Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5696 (1935-1936)
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 49 (sequence 51)
- Language
- German
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49 Esriel Carlebach: Dr. Schmarja Lewin .. . Und wenn man in einer besonders vortragsmüden Stadt ziisainmensaß und beriet, wie man wobl die Passivität des Publikums aufsprengen könne, wie man wohl abgestorbene Ortsgruppen wiederbeleben oder einer schwierigen Sammelaktion den rechten Schwung des Beginnens geben könne, — dann sagte man: Schmarja Lewin müßte kommen. ... Und wenn die Menschen aus den überfüllten Sälen herauskamen, mit geröteten Backen, wie morgenfriseh, obwohl sie ihm stehend stundenlang bis spät in die Nacht hinein zugehört hatten, und wenn sie angeregt, aufgeregt, wie nach einer Sinai-Szene zum ersten oder zum hundert« stenmal wieder vom Zionismus überzeugt durch die nächtlichen Straßen gingen und von seinem Vortrag sprachen, — dann wußten sie nichts Eigentliches, in Dogmen Prägbares, wiederzugeben: dann wußten sie nur: es war weit überzeugender als je ein Lehrsatz sprechen kann, denn es sprach ein Mensch, ein Volk. Das ist für die großen Massen Schmarja Lewin gewesen. Das war das Geheimnis seines von keinem anderen jüdischen Redner unserer Generation erreichten Erfolges. Er brachte keine Meinung, keine Philosophie, keine Lehre, er machte keine oratorischen Kunststückchen und er verzichtete auf die schönen Worte. Er sprach einfach wie ein Jude zum anderen spricht. Zu seinem Bruder oder zu seinem Sohn; allenfalls zu einem, mit dem er alle Intimitäten gemeinsam hat: Und er wußte: der andere, der Bruder oder der Sohn will von mir garnichts Bestimmtes gesagt haben. Er freut sich schlechthin mich reden zu hören. Daß ich spreche, viel spreche, dringlieh spreche, von mir, — das beißt von ihm, — spreche, manifestiert ihm die Tatsache, daß ich lebe. Schmarja Lewin hat es für seine Aufgabe gehalten, zu Hunderttausenden und Millionen Juden zu kommen und ihnen zu manifestieren, daß Israel lebt, das alte, kluge, galgenhumorige, talmudisch weise, bettlerhaft kindische, immer unterdrückte, immer überlegene, immer mißtrauisch augenzwinkernde, immer Augen aufreißend optimistische Israel. Es lebt nicht nur, es sprüht, es kocht in ihm, es schreit und flüstert, es mahnt und tröstet, — kurz, alle Sailen aller Oktaven seiner Seele sind intakt. 4