Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 165

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 165 (sequence 183)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4919024-4919599--1178-4919782
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

AUF DER SUCHE NACH DER KINDHEIT 165 Der Vater reist wieder ab, und so bleibt der kleine Junge allein und verlassen in Paris, ohne Freunde, ohne die Sprache zu beherrschen, fast ohne Geld, und fühlt sich tief unglücklich. Die Kölner Kinderjahre erscheinen ihm nun in verklärter Erinnerung wie ein verlorenes Paradies. An jede Einzelheit und jedes seiner Erlebnisse denkt er mit sehnsüchtiger Wehmut und plötzlich taucht aus der Vergessenheit eine alte primitive Melodie auf. Es ist das Lied, das die Mutter ihm in seiner frühesten Kindheit, etwa bis zum vierten Lebensjahre, allabendlich sang, wenn sie ihn mit liebevoller Fürsorge zu Bett gebracht hatte. Oder vielmehr, es ist der Bruchteil dieses Liedes, die ersten acht Takte. Immer stärker wird diese Melodie dem Vierzehnjährigen zur symbolischen Vertretung des verlorenen Glückes. Immer stärker klammert er sich an die kümmerlichen Töne, schließlich denkt er tagelang nichts anderes mehr. Wenn es ihm auch in verhältnismäßig kurzer Zeit gelang, diese Depression zu überwinden, so bleibt doch die Erinnerung an diesen Ansatz zu einer Melodie in ihm lebendig wach. Noch Jahre später, längst Mann geworden, sucht er ständig nach der Fortsetzung und dem Komponisten des Liedes. — Vergeblich! Er hat keinen Anhaltspunkt, wo er weiter suchen könnte, und sein Gedächtnis reproduziert nur die ersten acht Takte. Wie sehr ihn der Gedanke an die verlorene Melodie verfolgte, die ihm die verlorene Kindheit bedeutet, beleuchtet eine Episode, die sich bereits viele Jahre nach jener ersten einsamen Pariser Zeit abspielt. Eines Tages, als ganz erwachsener Mann, hielt er es vor Sehnsucht nicht mehr aus und fuhr nach Hause nach Köln, um sein Lied zu suchen. Die Mutter war damals nicht mehr am Leben. Vater und Geschwister waren über den unerwarteten Besuch so erfreut und gerührt, daß Offenbach fühlte, er würde ihnen eine große Enttäuschung bereiten, wenn er eingestünde, er sei nur wegen einer Kindheitserinnerung gekommen. So schwieg er, ging einige Tage mit etwas unbehaglichen Gefühlen umher und fand nicht den Mut, nach dem Liede zu fragen. Er war schon entschlossen, wieder unverrichteter Dinge wegzufahren, als ihn der Vater eines Abends aufforderte, etwas vorzuspielen. Offenbach setzte sich ans Klavier und spielte die ersten acht Takte seiner geliebten Melodie. Erstaunt rief der Vater aus: »Wie ist es möglich, daß du dich an den Walzer von Zimmer erinnerst?« Offenbach sprang wie elektrisiert auf: »Zimmer? Walzer von Zimmer? Wer ist dieser Zimmer?« Der Vater erzählte, Zimmer sei in Jacques' Kind-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.