Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 163 (sequence 181)
- Language
- German
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Mendele Mocher Sforim: Herscheie 163 Schade, daß man essen muß, denn sonst wäre Kabziel für Herscheie ein Paradies, und »eine Kindheit wäre glücklich gewesen. Es gab Tage, an denen er müde und erschöpft, tothungrig nach Hause kam, aber es war kein Stückchen Brot da. In diesen schweren Stunden pflegte er zu weinen, er vergrub seine Hände in den Haaren und schluchzte, bis er krampfhaft einschlief. Aber im Laufe der Zeit gewöhnte er sich an die Leiden und immer, wenn er hungerte, leckte er mit seiner Zunge die Lippen und schwieg. Herscheie war ein geschickter und spielliebender Junge. Als er den Schoß seiner Mutter verließ und auf die Welt Gottes blickte, fand er sie ausgezeichnet und bekam Lust, sich zu freuen und wie ein Kälbchen zu springen. Aber die Welt zeigte ihm, wie eine Stiefmutter, ein böses Gesicht und schrie ihn schimpfend an: Hüte dich armes Kind! Für den Armen gibt es keine Lebensfreude... Wie er nun von dem Glück der Kindheit genießen wollte, traf ihn die zürnende Welt, und zischte ihm ins Ohr: Weißt du, wer du bist? Wo deine Heimat ist? — Armut, Leid und Hunger. Die Kinderjahre Herscheies dauerten nicht lange und schon als Kind wurde er ein Greis, ein junger alter Jude. Der Jude hat in seinen wenigen Lebenstagen so viele Leiden zu ertragen, daß er keine Zeit hat, Kind zu sein. Die Kindheit des Juden ist wie die Sonne an Regentagen, sie scheint einen Moment und verschwindet sofort in finsterer Wolke. Das Kind hat nicht einmal seine Wickel-Kissen verlassen, und schon fängt es an, Thora zu lernen. Bald bewegt es sich, wie ein Großer, im Gehen, Sprechen, in der Kleidung, in der Aufregung, im Kummer und in allen Gebärden. Nichts erregt mehr mein Herz und nichts weckt in mir eine so große Menge erhabener Empfindungen, Gefühle der Liebe, der Gnade, des Erbarmens und der Sehnsucht und noch viele andere Gefühle, die man nicht ausdrücken und denen man keinen Namen geben kann, wie das Gesicht eines naiven Kindes im Schlafe; am erschütterndsten aber ist es, wenn das Kind vor Schwäche, vor Leiden oder Schlägen einschläft: Ein sanftes abgemagertes Gesicht, das keinen Tropfen Blut enthält; ausgetrocknete, geöffnete Lippen; auf den schwächlichen Ärmchen ruht ein Geist des