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Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 162

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 162 (sequence 180)
Language
German
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162 Saul Tschernikovsky: Kinderspiele Aus meinem Leben Meine Mutter hat meine Spielsachen bis heute noch aufgehoben. Ich hatte alle meine Spielsachen sehr gern, am meisten liebte ich jene, die ich mir selbst angefertigt hatte. Im Zeichnen und im Umgehen mit Messer und Schere war ich ein kleiner Meister. Aus illustrierten Büchern und Zeitschriften kopierte ich besonders Kriegsgeräte, die ich erst abzeichnete, um sie dann mir herzustellen. Mit diesen Waffen spielten meine Kameraden und ich, wenn wir in den Krieg zogen oder auf die Löwen-, Tiger- und Elephanten-Jagd gingen. Unsere phantasievollen Spiele quälten die Hunde und Schweine unserer Nachbarn. Auch besaß ich eine Armee. Ungefähr hundert Mann war sie stark, und jeder Soldat hatte eine Höhe von sechs Zentimetern. Aus Papier hatte ich mir jeden einzelnen geschnitten, und die Uniform, Fußvolk und Reiter äußerlich erkenntlich, hatte ich gemalt; farbenprächtig und einheitlich. Meine Kanonen wurden mit Sandkörnern geladen. Die feindlichen Heere stellte ich in Reihen einander gegenüber. Und mit einer Gott zu vergleichenden Objektivität schoß ich in beide Parteien. Meinem Herzen am nächsten freilich standen mir meine »jüdischen Kosaken«, die die prächtigsten Uniformen trugen und die schönste Fahne besaßen. Und weil diese Truppe das Sinnbild eines Staates verkörpern sollte, schnitt ich einen Hohenpriester und zwei Vertreter von ihm, deren Ornat nach den Vorschriften von mir genau ausgeführt worden war. Eines jeden Krieges Ergebnisse wurden von mir in einem Heft mit einer Schrift niedergeschrieben, die ich mir erfunden hatte, damit sie kein Fremder lesen könnte. In der gleichen Schrift zeichnete ich meine Tagebuchnotizen auf, die in der Hauptsache Schuljungenstreiche festhielten. Einmal beim Spiel mit meinen Soldaten warf meine Mutter durch ihren Rocksaum einige meiner Krieger um. Und ich, ein zehnjähriger Junge, weinte bitterlich. Meine Mutter verstand mich nicht und wies nur darauf hin, daß ich beim Spielen die Soldaten oft selbst umwerfe. Ich schrie auf: »Aber, da fallen sie doch auf dem Felde der Ehre im Kampfe gegen ihre Feinde!« Meine Mutter hat meine Spielsachen bis heute noch aufgehoben. Nacherzählt von Heinz Stroh.

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