Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 161 (sequence 179)
- Language
- German
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161 Ch. N. Bialik: Aus meiner Jugend Mein Vater war Schankwirt und lebte in großer Not. Er starb, als ich sieben Jahre alt war. Meine Mutter gab mich zum Großvater, einem fleißigen und unermüdlichen Thoraleser, der über dieses Geschenk nicht sehr erfreut war. Ich wurde in den Cheder gesteckt. Und die Lehrer verbitterten mir mein Leben. Ich war jung und ausgelassen. Ich erhielt viel Prügel. War ich aus Übermut auf eine Telegraphenstange geklettert, bekam ich Prügel. Schlitterte ich auf dem Eise, setzte es Prügel. Krähte ich in der Nacht wie ein Hahn, wurde ich verprügelt. Dies alles, obscbon die Lehrer mit meinen Leistungen zufrieden waren und jeder mich für sich allein zum Schüler begehrte. Mitunter, wenn ich sehr gequält worden war, suchte ich mir ein Versteck, in dem ich mich ausweinte; dann knirschten meine Zähne auch vor ohnmächtiger Wut. Ich sehnte blieb nach meiner Mutter im fernen Dorf. Ich fühlte mich sehr verlassen und war allein. Meine Tränen waren mir Trost, und das bitterliche Weinen ging in ein Schluchzen über und tat mir wohl, so daß ich allmählich sogar heiter wurde. Und nun erschien mir alles anders als vorher; die Welt bot sich meinen Augen in neuem Glänze dar. Ich flüchte aus meinem Versteck, in dem ich stundenlang weinend und schweigend gesinnt und nachgedacht hatte, zu meinen Kameraden. Und ausgelassen zeige ich meine Körperkräfte: ich erklimme einen Schornstein oder klettere auf eine Telegraphenstange, und das ehrfürchtige Staunen und die Bewunderung meiner Kameraden tun mir wohl und lassen mich als Herrn über alle fühlen. Dann schien es mir, daß ich Gottes einziger Sohn, ein verwöhntes Kind beim Herrn der Welt wäre.