Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 175)
- Language
- German
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DAS UNGESEHENE I.ICHTEREEST er nicht wie der Atem Gottes gewesen? Mit einem Sehmerz, der auch dem rüdesten unter uns den Mund verschloß, erklärte er, daß er, erst seit er hier in der Anstalt sei, die Blindheit wahrhaft als Unglück empfinde. Im Talmud Bei kein Gehrechen so oft und so eindringlieh den Frommen zur Beistandspflicht ans Herz gelegt wie die Blindheit, und die weisesten und angesehensten Gelehrten haben als Blinde im Alter die von den Glaubensbrüdern als unanfechtbares Gesetz anerkannten Auslegungen der Heiligen Schrift und ihrer Gebote erlassen. Hier aber sehe er, daß er, um die Blindenschrift und alle sonstigen modernen Errungenschaften zu lernen, die ihn erwerbstüchtig machten, das Judentum vergessen oder aufgeben müsse. Nicht vom koscher-essen spreche er, nicht von den fünf Waschungen und den anderen hier unbekannten Geboten, das hatte er gewußt, aber — gab es unter all den Büchern, die hier den Zöglingen geschenkt wurden, auch nur ein einziges jüdisches Buch? Gab es überhaupt eines in Blindenschrift? In dieser einzigen jüdischen Blindenanstalt der Welt druckte man »Frau Holde« von Baumbach und »Enoch Arden« von Tennyson. Das hebräische Alphabeth war von einer christlichen .Studienanstalt zur Hilfe für blinde Theologie-Studenten ersonnen worden... Er sagte noch vieles andere. Alles das ist heute nicht mehr wahr, da in dieser Anstalt jetzt hebräische Lehrbücher, eine jüdische Blindenzeitung, die Bibel usw. erscheinen, die hebräische Sprache als richtiger Lehrgegenstand von einem ersten Fachmann gründlich gelehrt wird und alle Beste liberalistisch-verschwommener Auffassung ausgemerzt sind. Aber ich habe das Gefühl, daß dieser Junge, das jene Rede, deren Gedankengang wir zunächst kaum richtig zu fassen vermochten, so fremd war er uns, diese gründliche Wendung herbeigeführt hat; nicht als ein erster Anstoß! Es änderte sich damals zunächst nicht das Geringste. E3 wurde weiter aus der Messe gesungen, deutsche Helden-Epen wie »Horand und Hilde«, »Die Amalungen« oder christlich-fromme Dichtungen wie Webers »Dreizehn Linden« wurden als Chanukageschenke verteilt, allein jene Rede hatte anderes im Gefolge. Ohne daß etwa einer der Zuhörer den Angeber gemacht hätte — so etwas war unter uns ziemlich ausgeschlossen — sprach sich die Sensation dieser ketzerischen, dieser unerhört revolutionären Kritik an den Anstaltszuständen herum, und eines Tages kam es zu einem richtigen Gerichtsverfahren vor der versammelten Schüler-