Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 174)
- Language
- German
- Belongs to
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158 OSKAR BAUM leicht der einzige von uns allen, saß am Bettrand und rührte sieh nicht, kaum daß er die Fragen der Vorbeiziehenden mürrisch und einsilbig beantwortete. War er unzufrieden mit den erhaltenen Geschenken? Aber auch das pflegte man, wie er von mehr als einem hören konnte, umständlich und geräuschvoll zu erörtern. Er war vor gar nicht langer Zeit erst eingetreten, jedoch schon etwa fünfzehn Jahre alt (wie ich damals), ein außergewöhnlicher Fall, da man Zöglinge im allgemeinen nur in zartem Kindesalter aufnahm. Er war der Sohn des Bürgermeisters eines kleinen ostgalizischen Ortes. Wir scherten uns nicht viel um seine Stimmung. Man ist in diesem Alter nicht sehr mitfühlend. Da brach er plötzlich mit einer Art grollendem Ungewitter in das Gespräch ein, das eine Gruppe von uns in seiner Nähe führte. Wir waren in jener Zeit alle von äußerst angriffslustigem Spott und Hochmut allem Gegenüber erfüllt, das auch nur von fern mit Pathos oder Feierlichkeit zu tun hatte. So machten wir uns an jenem Abend über einen jungen Lehrer lustig, den wir sonst sehr liebten. Ihn hatte es offenbar tief berührt, als er unter Segenssprüchen die Lichter der Menorah entzündet hatte und wir alle im Saal umherstanden, ausgeschaltet von dem Eindruck des Heiligen Brauchs, als seien wir durch unser Gebrechen auch den Erinnerungen und Segnungen des Judentums für immer ferner. Er kam auf den seltsamen Einfall, unsre Hände, indem er uns an der Menorah vorbeiziehen ließ, in einiger Entfernung über die Lichter hinstreichend zu führen, sodaß wir wenigstens einen Hauch der ausgestrahlten Wärme spürten, also doch auch körperlich mit in den Eindruckskreis einbezogen wurden. Wir lachten darüber. Es erschien uns als eine der unbeholfenen, verständnislosen Mitleidsbemühungen, die die Entbehrungen und Nachteile unserer fortscheuchen möchten und sie dadurch nur um so empfindlicher fühlbar machen. Das war es, worein Chaim-Heinrich mit seiner im Stimmbruch begriffenen heisern Stimme wild fuhr. Der noch wenig gemilderte Jargon, über den wir uns sonst erhaben fühlten, wirkte in dem erregten Ernst, tni l dem er eine richtige Rede schwang, in der wir ihn nicht zu unterbrechen wagten, so lebenswarm und unmittelbar, daß uns das Neue in seinen Gedanken und seinem unbeirrbaren Pathos überrannte. Er sagte mit einer Art verächtlicher Zurechtweisung, daß der Augenblick, über den wir uns da lustig machten, der einzig würdige des heiligen Tages gewesen war. Dieser warme Hauch der Lichter, war