Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 176)
- Language
- German
- Belongs to
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160 OSKAR BÄUM Schaft. Der Direktor rief Heinrich vor und verlangte von ihm, daß er öffentlich wiederhole, was er in »geheimer Wühlarbeit« verbreite, das freche und dumme Gewäsch, mit dem er die ihm hier erwiesenen Wohltaten so übel lohne. Er, der Direktor, möchte sich auch gern belehren lassen, Heinrich solle ihm doch nicht vorenthalten, was er an dieser weltberühmten Musteranstalt auszusetzen habe. Der Direktor dachte natürlich, der Junge würde, vor Schrecken zerknickt, kein Wort herausbringen oder ängstlich reuevoll den Versuch einer Ausflucht stottern. Wir alle erwarteten es mit Selbstverständlichkeit. Aber nach einer Pause, während welcher uns das Herz stillstand, wiederholte Heinrich, so gut er es noch wußte, alles, was er damals gesagt hatte. Anfangs etwas leise, mit belegter Stimme, aber immer fester, entschlossener. Und wieder war es der oft verlachte Jargon, der — im Gegensatz zur gewählten salbungsvollen Ausdrucksweise des Direktors — der aus tiefaufgewühltem Herzen hervorgestoßenen Anklage die stärkste Überzeugungskraft gab. Er erschien uns, Tod und Foltern trotzend wie einst unsre Vorfahren vor dem Scheiterhaufen, von denen wir in der Geschichtsstunde gelernt hatten. Der Direktor unterbrach ihn wohl, ließ ihn kaum die ersten Sätze ausreden, verhöhnte nachsichtig den Tiefstand der Kultur, den Sumpf der Unwissenheit, des seelischen und geistigen Schmutzes, aus dem ihn und seinesgleichen zu heben man sich die undankbare Mühe nehme usw. Doch in mir und in den meisten von uns erwachte bei dieser Verhandlung zum ersten Mal so etwas wie ein Volksbewußtsein, das Gefühl vom Primat des kollektiven Eigenwerts, von der unverrückbaren Verpflichtung dieses Primats. Es war keine klare Erkenntnis, wurde nachher auch zeitweise wieder verschüttet, aber konnte nicht mehr verlöschen. Der Gegensatz dieses »ungebildeten« ost-jüdischen Jungen und des wissensreichen Pädagogen, Schriftstellers und Gelehrten, dieses Duell eines geistigen David und Goliath, das eigentlich nicht auf dem Gebiet des Geistes, sondern der Überzeugung oder richtiger: des Instinkts ausgefochten wurde, war und blieb unter meinen Kindheitserlebnissen das merkwürdigste und in seiner Nachwirkung bedeutsamste.