Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 173)
- Language
- German
- Belongs to
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157 Oskar Baum: Das ungesehene Lichterfest Meine Jugend erlebte in einer Nachdrücklichkeit und Vielfalt, wie es nur die von der Umgebung luftdicht abgeschlossene Internatswelt ermöglicht, das verschwommen^ liberale Traditions-Judentum des aufgeklarten Jahrhundertendes ohne Ziel und Kern, farblos und unsicher sogar in der Form. Wir sangen z. B. im Schulgottesdienst des in Sabbäth-, den Festvorschriften und auch sonst streng-frommen israelitischen Blindeninstituts das »Gloria« und das »Sanctus« aus Schuberts »Deutscher Messe«, Beethovens »Die Himmel rühmen« usw. Daber der tiefe Eindruck des Augenblicks, von dem ich hier erzählen will. Es war am Abend des Chanuka-Festes, das den Höhepunkt aller Freudenanlässe des Jahres bedeutet, da es in der üblichen Anlehnung an den Weihnachtsbrauch eine allgemeine Geschenkverteilung gab. Schon wogte das ungewöhnliche fröhliche Durcheinander durch alle Säle. Die Zeremonien des Tages waren vorüber: Der kurze Gottesdienst, die lange Festrede, die feierliche Verteilung mit einem gewissen Schaugepräge vor den versammelten Gönnern und Freunden der Anstalt, ein Schülerkonzert, in dem die von Herzklopfen mehr oder minder beeinträchtigten Leistungen das Lehr- und Lernergebnis der erlesenen Wohltäterversammlung vorführten. Nachher war die sonst streng gehandhabte Anstaltsordnung aufgehoben, selbst die Stunde der Schlafenszeit brauchte nicht eingehalten zu werden. Jeder Zögling hatte auf seinem Nachtkästchen den Teller mit süßem Backwerk, Äpfeln, Nüssen, Südfrüchten und auf dem Bett die erhaltenen Geschenke ausgebreitet: Bücher, Noten, Werkzeuge, Schach-Domino und andere für den Gebrauch der tastenden Finger sinnreich eingerichtete Spiele. Neugierig zogen die Kinder umher, auch die halbwüchsigen und manche der schon fast erwachsenen, verglichen, begutachteten und tauschten auch wohl — heimlich — da ein Gefühl der Ungehörigkeit dabei nicht ganz auszuschalten war. Ein Lärm vielstimmigen Schwatzens, Lachens, Streitens, Spielens erfüllte ungehemmt die hallenden weiten Räume. Mein Bettnachbar, Chaim Mammel — in der Anstalt hatte er den Namen Heinrich erhalten —, war still, viel-