Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 152 (sequence 168)
- Language
- German
- Belongs to
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152 MAX BROD chenheit. »Du hattest Dich allein durch eigene Kraft so hoch hinaufgearbeitet, infolgedessen hattest Du unbeschränktes Vertrauen zu Deiner Meinung... In Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt. Deine Meinung war richtig, jede andere war verrückt, überspannt, mesehugge, nicht normal. Dabei war Dein Selbstvertrauen so groß, daß Du gar nicht konsequent sein mußtest, und doch nicht aufhörtest, recht zu haben. Es konnte auch vorkommen, daß Du in einer Sache gar keine Meinung hattest und infolgedessen alle Meinungen, die hinsichtlich der Sache überhaupt möglich waren, ohne Ausnahme falsch sein mußten. Du konntest z. B. auf die Tschechen schimpfen, dann auf die Deutschen, dann auf die Juden, und zwar nicht nur in Auswahl, sondern in jeder Hinsicht, und schließlich blieb niemand mehr übrig, außer Dir. Du bekamst für mich das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihre Person, nicht auf das Denken begründet ist.« Hier sei daran erinnert, eine wie große Rolle bei Kafka, neben Elementen der Menschenwürde, also der Demokratie, doch auch das Prinzip der Autorität spielt, im »Prozeß«, im »Schloß«, in allen Erzählungen und Fragmenten, die zum »Bau der chinesischen Mauer« gehören. Das Ergebnis der »Erziehung« war dem »Brief« gemäß (wobei Kafka selbst die Schlußworte seines »Prozeß«-Romans kommentiert): »Ich hatte vor Dir das Selbstvertrauen verloren, dafür ein grenzenloses Schuldbewußtsein eingetauscht. In Erinnerung an diese Grenzenlosigkeit schrieb ich von jemandem einmal richtig: ,Er fürchtet, die Scham werde ihn noch überleben.'« — Sein weiteres Leben konstruiert dann Kafka als eine Reihe von Versuchen, aus der Sphäre des Vaters auszubrechen, in Regionen zu gelangen, die dem Einfluß des Vaters entrückt waren. So will er auch seine schriftstellerische Arbeit unter den Gesamttitel »Fluchtversuch vor dem Vater« einreihen, als ob seine Freude am Künstlerischen, sein schöpferisches Glück nicht aus eigener Kraft auf eigenen Füßen gestanden wären. Der ihm Nahestehende hatte jedenfalls ein anderes Bild als das eines von der Vater-Imago Gehetzten, hatte das Bild des von Form, Gestaltungswillen und Können, Erkenntnistrieb, Lebensbeobachtung, Menschenliebe glühend Beschwingten. Als mitwirkende Komponente freilich hat gewiß das mitgespielt, was der Brief an den Vater in die erschütternden Worte faßt: »Mein Schreiben handelte von Dir, ich klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte. Es war ein absichtlich in die Länge gezo-