Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 167)
- Language
- German
- Belongs to
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AUS FRANZ KAFKAS KINDERTAGEN 151 liehen »Brief an den Vater«. Man kann diese Arbeit kaum mehr einen Brief nennen, sie ist ein kleines Buch, aber keines, das jetzt veröffentlieht werden kann, — dabei gewiß eines der merkwürdigsten und bei aller Einfachheit des Ausdrucks schwierigsten Dokumente über einen Lebenskonflikt. Man wird dieser Sache nicht leicht auf den Grund kommen, an manchen Stellen ist selbstverständlich eine Übereinstimmung mit den Thesen der Psychoanalyse rasch auffindbar, aber sie erstreckt sich mehr auf die Oberschicht der Tatsachen als auf ihre tieferen Verklammerungen. Aus Gründen persönlicher Art entzieht sich dieser »Brief an den Vater« der extensiven Mitteilung. Doch werden schon die wenigen Auszüge und Zitate, die ich anführen kann, für das Verständnis von Kafkas Entwicklung Unentbehrliches beitragen. Fast der ganze Brief gilt der »Erziehung«, die der Vater praktiziert hat. »Ich war ein ängstliches Kind«, sagte Kafka, »trotzdem war ich gewiß auch störrisch, wie Kinder sind; gewiß verwöhnte mich die Mutter auch, aber ich kann nicht glauben, daß ich besonders schwer lenkbar war, ich kann nicht glauben, daß ein freundliches Wort, ein stilles Bei-der-Hand-nehmen, ein guter Blick mir nicht alles hätte abfordern können, was man wollte. Nun bist Du im Grunde ein gütiger und weicher Mensch (das Folgende wird dem nicht widersprechen, ich rede ja nur von der Erscheinung, in der Du auf das Kind wirktest), aber nicht jedes Kind hat die Ausdauer und Unerschrockenheit, solange zu suchen, bis es zu der Güte kommt. Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm und Jähzorn, und in diesem Fall schien Dir das auch noch überdies deshalb sehr gut geeignet, weil Du einen kräftigen, mutigen Jungen in mir aufziehen wolltest.« Mit unheimlicher Eindringlichkeit gedenkt der Brief einer ganz geringfügigen Züchtigung aus frühesten Kindertagen, die übrigens mehr aufs Moralische als aufs Körperliche ging und doch in dem Sohn unauslöschlich fortwirkte, in der Erkenntnis, »daß ich also ein solches Nichts für ihn (den Vater) war«. Die absprechenden Urteile, die der Vater über kleine Vergnügungen des Kindes, über seinen Freundschaftsverkehr fällt, über seine ganze Art, zu sein und sich zu geben, werden als ungeheure Lasten empfunden und führen schließlich zur Selbstmißachtung. Der Vater selbst hält sich an seine Urteile und Regeln nicht unbedingt, gerade diese Unlogik erscheint dem rückblickenden Sohn als Zeichen der ungestümen Lebendigkeit, der Willensungebro-