Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 149 (sequence 165)
- Language
- German
- Belongs to
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DES VATERS BÜCHERSCHRANK 149 griffen midi, vor allem die, neben denen die schönen Illustrationen zu sehen waren, dann kamen lange Reden, die ich einfach überschlug, und zuletzt vielleicht wieder einige Worte, an denen meine Begeisterung entbrannte. Es war ein sehr wild gewachsenes Wissen, das ich mir auf diese Art aneignete. In ungefähr derselben Art lernte ich, in der der kleine Jude des Ostens im Cheder die hebräischen Texte eingepaukt bekommt. Er lernt, was er nicht versteht; aber eines Tages stellt sich das Gesamtverständnis ein und findet dann einen ungeheuren Stoff vor, den es gedächtnismäßig bereits beherrscht. Es ist die Frage, ob unsere westeuropäische Art des rationalen Lernens dieser alten wilden irrationalen Methode (an der ich also unwillkürlich, infolge einer Laune meines Vaters, in gewissem Sinn teilgenommen habe) in allen Punkten so überlegen ist, wie es dem aufklärerisch logischen Blick als selbstverständlich erscheint. Die Methode meines Vaters beweist noch ein anderes: daß es jedenfalls gut ist, gute Bücher im Hause zu haben, auch wenn man von ihnen zunächst nicht den richtigsten Gebrauch macht. Daß unter den Büchern meines Vaters auch die Lutherbibel war, illustriert, sehr kostbar, mit grünen Halbedelsteinen auf dem goldgepreßten Foliantendeckel, von denen immer erst die schützende Watta entfernt werden mußte, ehe man sich der entzückten Betrachtung überließ, — das hat auf unberechenbare Art in mein ferneres Leben hineingewirkt. Noch heute sehe ich die Kundschafter mit der Traube so vor mir, wie sie damals zum erstenmal vor meinem Kinderblick als ungeheure Verheißung unseres eigenen jüdischen Landes aufgetaucht sind. Max Brod: Aus Franz Kafkas Kindertagen Das Folgende ist die erste Veröffentlichung aus der Biographie Franz Kafkas, die Max Brod soehen vollendet hat und die unter dem Titel »Franz Kafka. Erinnerungen und Dokumente« im Herhst im Verlag Heinr. Meicy Sohn erscheint. Es enthält Teile eines Briefes Kafkas, hat also den Charakter einer Selbstdarstellung. Die Teile die hier ausgewählt wurden, sind nicht nur für diesen groUen jüdischen Dichter, sondern auch für die jüdische Erziehung dieser Generation charakteristisch. Nach Angabe der Mutter war Franz Kafka ein schwaches zartes Kind, meist ernst, doch auch zu gelegentlichem Scha-