Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 164)
- Language
- German
- Belongs to
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148 MAX BROD rasch wieder abschloß. Der ganze Vorgang spielte sich unter Scherzen, nicht etwa in grauem Ernst ab; ein Willen wurde uns aufgezwungen, aber durchaus nicht düster und drohend, sondern eher neckend, ausspottend. In jungen Jahren hatte mein Vater viel gelesen. Von seinem ernsten Bildungsstreben legten ja gerade die dichten Reihen des Bücherkastens Zeugnis ab. Es waren fast nur wertvolle Bücher im Schrank, die deutschen Klassiker in guten Editionen, in reicher Fülle, Goethe, Schiller, Lessing in jenen Bänden, in denen ich noch heute lese, die größten Autoren der Weltliteratur übersetzt, Shakespeare und Heine in reich illustrierten »Prachtausgaben«. Nach dem oben erwähnten Prinzip der Wiederholung lasen wir am liebsten, außer einigen Klassikern: Brehms »Tierleben«, eine mehrbändige, schon damals sehr veraltete Sammlung, »Buch der Erfindungen und Industrien«, Schlossers »Weltgeschichte« (8 oder 10 Bände), deren Bilder für mich unauslöschlich bleiben. —■ Wir lasen all dies vielleicht mit verdoppelter Freude, weil wir darum kämpfen mußten, weil uns die Bücher nicht bequem dargeboten wurden, weil ihnen immer etwas »eigentlich Verbotenes« leise anhaftete. Geradezu verboten aber hat uns der Vater kein Buch (mit einer einzigen Ausnahme), allerdings auch nie eines empfohlen, — was mir nachträglich besonders erstaunlich erscheint, denn er wußte genug, um uns auf dies oder jenes hinweisen zu können; wenn er auch in späteren Jahren, durch die Sorgen des Alltags nervös und mißmutig geworden, nur selten las. Erst in hohem Alter kehrte er wieder zu den Lektürefreuden seiner Jugend zurück. In den Jahren aber, die für meine Kindheit entscheidend waren, spielte sich sein erregtes Leben sehr ferne von Büchern ab. Eine eigentliche Unterweisung also gab es nicht, — wie ich überhaupt während meines ganzen Lehens nur höchst selten das Glück gehabt habe, einen wirklichen Lehrer zu finden, autoritativ belehrt zu werden, und mir meinen Weg recht und schlecht nach meinem eigenen Kopf suchen mußte. — das einzige Verbot des Vaters bezog sich merkwürdigerweise auf Shakespeares »Othello«. Alle andern Dramen von Shakespeare, die doch teilweise viel freiere Worte enthalten, durfte ich lesen, nur dieses eine nicht. Es ist zu sagen, daß ich Verstandenes und Unverstandenes wirr durcheinander las, daß ich mich arn Klang von Versen schon als Kind, acht oder neun Jahre alt, berauschte und erst viele Jahre später deren Sinn begriff. Der Sinn interessierte mich auch gar nicht so sehr; einzelne Szenen er-