Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 163)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4919024-4919599--1158-4919762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DES VATERS BÜCHERSCHRANK 147 fort: »Was willst du also?« Und nun mußte man rasch auf das gewünschte Buch hindeuten, hckarn es sofort, hatte sich aber auch damit zu begnügen. Denn der Kasten wurde sofort wieder abgesperrt. Es war schlimm, wenn man gleich beim ersten Durchblättern merkte, das man etwas genommen hatte, was einen gar nicht interessierte. Umgetauscht wurde nicht. Bis zum nächsten Mittag mußte man sich nun mit dem Buch durchfretten, das einem der blinde Zufall, unterstützt durch kindlichen Unverstand, in die Hände gespielt hatte. Bittere Langweile oft! Du hast es gewollt, jetzt schau, wie du damit auskommst, — diese pädagogische Lehre stand gleichsam drohend über der ganzen Zeremonie, an der mein Vater, der doch sonst so gütig und milden Herzens war, in merkwürdigem Eigensinn festhielt. — Möglieh ist es ja, daß all das Rätselhafte, das um die Erinnerung an die erste Kindheit liegt, mir heute den Blick verdunkelt und mir die ganze Prozedur bedeutsamer und eindringlicher erscheinen läßt, als sie war. Für wen war? Für mich damals oder für den Vater? Diese Fragen stellen heißt schon: sie nicht beantworten können, — die Vieldeutigkeit des Vergangenen als lastende Wolke anerkennen, die kein noch so scharfer Blick aufzulösen vermag. Da es also mit einem gewissen Risiko verbunden war, ein Buch zu wählen, da man so leicht ein uninteressantes packen konnte, ist es nicht weiter verwunderlich, daß wir Kinder immer wieder auf die Werke zurückgriffen, die wir schon kannten, — daß ein großer Teil der Bibliothek meines Vaters ungelesen blieb. Vielleicht war Letzteres auch eine der Absichten des Vaters, von dem ich immer den Eindruck hatte, das er nur äußerst ungern den Bitten der Kinder um Bücher nachgab, da er wußte, viele der Werke seien für unser unreifes Alter noch durchaus unpassend, und da er sich nicht zutraute, die geeigneten von den für uns ungeeigneten Büchern sondern zu können; ein völliges Abweisen der lesehungrigen Kinder aber wäre seinem humanen Sinn nicht entsprechend gewesen. So erschien ihm wohl das Gottesgericht des raschen Wählens als ein Ausweg. Mit einem gewissen Teil seines Ich freute er sich ja auch über unsern Eifer, unsere natürliche Wißbegierde, — nach außen hin aber spielte er stirnrunzelnd den Abweisenden, Strengen. Übrigens erinnere ich mich, daß er oft auch gelächelt hat, wenn wir uns in die Schranktüre eindrängten und mit ihm eine gutmütige kleine Rauferei begannen, bei der wir uns auf die Bücherreihen stürzten, sie plünderten und nicht zugeben wollten, daß er den Kasten