Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 162)
- Language
- German
- Belongs to
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146 MAX BROD Mein Vater, der zwar ein guter Rabbiner war, aber kein sonderliches Talent zu Wissenschaften hatte, konnte nicht alles begreifen, was ich ihm begreiflich machen wollte; besonders befremdete ihn die Vergleichung meiner Sphaera armillaris mit der Figur im Buche und wie aus geraden Linien Zirkel entsprungen wären, aber so viel konnte er doch einsehen, daß ich meiner Sache gewiß war. Er schalt daher zwar auf mich, daß ich sein Verbot, mich mit etwas anderm außer dem Talmud abzugeben, übertreten habe, freute sich aber doch innerlich, daß se^n junger Sohn, ohne einen Anführer und Vorkenntnis zu haben, von sich selbst ein ganzes Werk von einer Wissenschaft habe durcharbeiten können; und damit war dieser Prozeß zu Ende. Mux Brod: Des Vaters Bücherschrank Die größte Rolle in meiner frühkindlichen Erziehung nimmt seltsamerweise nicht ein Mensch, sondern eine Sache ein: der Bücherschrank meines Vaters. Dieser Schrank stand in dem wenig benützten »Salon«, in dem es winters eisig kalt war. Schon dies ergab, zumindest für einen Teil des Jahres, eine gewisse geheimnisvolle Unzugänglichkeit der Schätze, die sich reihenweise hinter den Glasscheiben des Kastens häuften. Diese Unzugänglichkeit wurde eine vollständige durch den Umstand, daß mein Vater den Kasten immer abgesperrt hielt und den Schlüssel, mit vielen andern in mächtigem Bund vereinigt, bei sich trug. Nach Tisch gab es eine Minute, in der mein Vater auf inständiges Bitten den Kasten öffnete und uns Geschwistern jedem ein Buch »herausgab«. »Herausgeben« war der Terminus für den Vorgang, der sich, einer unerklärlichen Geflogenheit meines Vaters gemäß, blitjschnell abspielen mußte. Es war verboten — oder vielmehr: es war ganz unmöglich, in den Büchern zu blättern und sich auf diese Art eines, das einem gefallen hätte, nach reiflicher Wahl auszusuchen. Man konnte nur stundenlang, ehe der entscheidende Moment kam, vor dem Schrank stehen, jedes einzelne Werk seinem Buchrücken gemäß abschätzen, sich an vage Aussprüche erinnern, die man da oder dort über einen Autor gehört hatte, und träumerische Erwartungen spinnen. War aber der Schrank aufgeschlossen, so hieß es so-