Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 161)
- Language
- German
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PRIVATERZIEHUNG UND SELBSTSTUDIUM 145 abgeben mußte und kein anderes Buch in die Hand nehmen durfte, so bestimmte ich die Abende zu meinen astronomischen Betrachtungen. Nachdem also die Großmutter zu Bette gegangen war, steckte ich mir frisches Kienholz an, machte mich über den Schrank her und holte mir mein geliebtes astronomisches Buch hervor. Die Großmutter schalt mich zwar deswegen, weil es der alten Frau zu kalt war, um allein im Bette zu liegen, ich aber kehrte midi nicht daran und setzte mein Studium so lange fort, bis das Kienholz ausgebrannt war. Nachdem ich dieses einige Abende getrieben hatte, kam ich endlich zu der Vorstellung von dem Himmelsglobus und seinen zur Erklärung der astronomischen Erscheinungen erdichteten Zirkeln. Dieses war im Buche durch eine einzige Figur vorgestellt, wobei der Verfasser dem Leser den guten Bat gab, daß er zur bessern Verständlichkeit, indem die mannigfaltigen Zirkel in einer Flächenfigur nicht anders als durch gerade Linien vorgestellt werden könnten, sich entweder einen ordentlichen Globus oder eine Sphaera armillaris verfertigen solle. Ich faßte also den Vorsatz, eine solche Sphaera armillaris aus geflochtenen Buten zu verfertigen; nachdem ich diese Arbeit zu Ende gebracht hatte, war ich imstande, das ganze Buch zu fassen. Da ich mich aber in acht nehmen mußte, daß mein Vater von dieser meiner Beschäftigung nichts erfahre, so versteckte ich immer meine Sphaera armillaris, ehe ich zu Bette ging, in einen Winkel hinter den Schrank. Meine Großmutter, die verschiedenemal bemerkt hatte, daß ich ganz im Lesen vertieft sei und dann und wann auf aus Buten geflochtene kreuzweise aufeinandergelegte Kreise meinen Blick richtete, geriet hierüber in den größten Schreck; sie glaubte nicht anders, als daß ihr Enkel närrisch geworden sei. Sie unterließ also nicht, meinen Vater hiervon zu benachrichtigen und demselben den Verwahrungsort des magischen Instruments anzuzeigen. Dieser riet bald, was dieses bedeuten müßte. Er nahm also den Globus in die Hand und ließ mich zu sich rufen. Als ich kam, fragte er mich mit folgenden Worten: V.: Was hast du dir da für ein Spielzeug gemacht? L: Dieses ist ein Kaddur (Globus). V.: Was soll dieses bedeuten? Ich erklärte ihm hierauf den Gebrauch aller Zirkel zur Begreiflichmachung der himmlischen Erscheinungen.