Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 155)
- Language
- German
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PRIVATERZIEHUNG UND SELBSTSTUDIUM 143 V.: 0 ja, er war auch vor hundert Jahren da. I.: Also ist Gott vielleicht schon tausend Jahre alt? V.: Behüte! Gott war ewig. L: Aber er hat doch einmal geboren werden müssen! V.: Närrchen, nein! Er war ewig und ewig und ewig. — [dh war zwar mit dieser Antwort nicht befriedigt, aber ich dachte doch, Papa müsse es besser wissen als ich, und ich müsse es also dabei bewenden lassen. Ein andermal las ich in der Bibel die Geschichte von Jakob und Esau; mein Vater zitierte mir hierbei eine Stelle aus dem Talmud, wo es hieß: Jakob und Esau teilten alle Güter der Welt untereinander; Esau wählte sich die Güter dieses, Jakob hingegen die Güter des zukünftigen Lebens; und da wir von Jakob herstammen, so müssen wir allen Anspruch auf die zeitlichen Güter aufgeben. Hierauf sagte ich mit Unwillen, Jakob sollte kein Narr gewesen sein und lieber die Güter dieser Welt gewählt baben. Leider bekam ich hierauf zur Antwort: »Du gottloser Bube!« und unmittelbar darauf eine Ohrfeige. Mein Zweifel war freilich damit nicht behoben, aber es brachte mich doch zum Stillschweigen. Mein Vater hatte in seiner .Studierstube einen Schrank mit Büchern stehen, er verbot mir zwar, alle anderen Bücher außer dem Talmud zu lesen. Aber es half nichts. Da mein Vater die mehrste Zeit mit häuslichen Angelegenheiten beschäftigt war, so machte ich mir diese Zeit zunutze. Aus Neugierde machte ich mich über den Schrank her, blätterte alle Bücher durch, und da ich schon ziemlich Hebräisch verstand, fand ich an einigen derselben mehr Behagen als an dem Talmud. Dies ging auch ganz natürlich zu. Man vergleiche die trockenen, einem Kinde meist unverständlichen Gegenstände des Talmuds (das ungerechnet, was die Jurisprudenz betrifft), die Gesetze der Opfer, der Reinigung, der verbotenen Speisen, der Feiertage usw., worin die seltsamsten rabbinisehen Grillen mit der feinsten Dialektik, und die abgeschmacktesten Untersuchungen mit der höchsten Anstrengung der Geisteskräfte in vielen Bänden durchgeführt werden. Zum Beispiel wieviel weiße Haare die rote Kuh haben kann und doch eine rote Kuh bleibt? Wie die verschiedenen Arten Krätze beschaffen sein müssen, um diese oder jene Rcinigungsart zu bedürfen? Ob man eine Laus oder Floh am Sabbat totschlagen darf