Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 154)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4919024-4919599--1149-4919753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
142 SHMARYA LEVIN Sie war die letzte und höchste Berufungsinstanz. Nach meinem ersten Mißerfolg mit meinem Vater war ich meiner Sache nicht mehr so sicher. Und jetzt erlebte ich erst die wahre Enttäuschung, denn meine Mutter, meine eigene Mutter, war nicht auf meiner Seite. Allerdings war sie sanfter als mein Vater, und ihr Spruch war milder gefaßt. Aber auch sie sagte: »Mein Kind, du mußt wissen, daß ein Rebbe kein Unrecht tun kann, ein Rebbe kann kein Unrecht tun.« Ich aber wiederholte meine unberücksichtigte Beschwerde: was für ein Recht hatte der Rebbe, gerade einen von uns herauszusuchen und ihn allein zu schlagen? Meine Mutter erwiderte hierauf: »Aber so geht es in der Welt zu, mein Kind. Man kann nicht alle schlagen, darum schlägt man heute einen, morgen einen anderen; inzwischen bekommen alle anderen Angst und lernen sich richtig betragen.« Hier möchte ich betonen, daß mich die Ohrfeige an und für sich nicht in Erstaunen gesetzt hatte, denn ich wußte, daß Rebbes prügeln. In Wirklichkeit hatte ich schon gesehen, wie Jungen von ihren Rebbes geschlagen wurden. Jene Schläge hatten aber etwas Distanziertes an sieb, und hier war ein Schlag, der mich sehr nahe anging. Die Worte meiner Mutter »heute schlägt man einen, morgen einen anderen . . .« bewiesen mir, daß die älteren Leute sich gegen uns verschworen hatten, und ein Durst nach Rache erwachte in mir. Ich allein würde mich ohne Hilfe eines Erwachsenen an Mottje der Bohne rächen müssen... Ich hatte keinen Plan, aber ich beriet mich mit niemand, weder mit Jungen noch mit Alten. Ich vergrub meinen Zorn tief in meiner Brust und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Solomon Maimon: Privaterziehung und Selbststudium In meinem seebsten Jahre fing mein Vater mit mir an, die Bibel zu lesen. Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde. Hier unterbrach ich meinen Vater und fragte: »Aber Papa, wer hat Gott erschaffen?« V.: Gott ist von niemand erschaffen, er war von aller Ewigkeit da. I.: War er auch vor zehn Jahren da?