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Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 141

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 141 (sequence 153)
Language
German
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MOTTJE DIE BOHNE 141 auf ihn wälzen? Kurz, die Ungerechtigkeit, die mein Rebbe begangen hatte, war in Wirklichkeit groß, und je mehr ich darüber brütete, desto größer wurde sie, so daß sie, als ich die Synagoge verließ, zu einem Berg, einem Pelion von Sünde angewachsen war. Ich kam immer von neuem zu dem Schluß, daß die Sache nicht so vorübergehen dürfte. Ich wollte vor meinem Vater und meiner Mutter gegen meinen Rebbe Klage erheben — sie sollten entscheiden, wer im Recht und wer im Unrecht war. Ich stand wahrend des langen Morgengebets wie auf Nadeln. Und die letzte Responsion war kaum gesprochen, als ich, ohne meinen Rebbe um Erlaubnis zu bitten, aus der Synagoge flog, in der völligen Gewißheit, daß meine Eltern auf meiner Seite stehen würden. So jung ich war, wußte ich, daß man dem Rebbe die Ohrfeige nicht zurückgeben konnte, und ich wußte auch, daß der Schlag, den er einmal gegeben hatte, nie zurückgenommen werden konnte. Ich ersehnte nur eine einzige Rache: ich wollte, daß erwachsene Menseben mit vollem Gerechtigkeitssinn erklärten, daß der Rebbe unrecht hatte. Mochte Mottje die Bohne sehen, daß es Mächte gab, die gerechter waren als er. Ich kam früher heim als meine Eltern, aber ich konnte mit meinen Klagen nicht zurückhalten. Ich erzählte meine Geschichte jedem einzeln, sie immer wiederholend. Und als meine Eltern dann nach Hause kamen, brach meine ganze aufgespeicherte Wut hervor, so daß ich die Geschichte von Mottje der Bohne und meinem geohrfeigten Kameraden nicht in der richtigen Reihenfolge erzählen konnte. Ich begann mit dem Ende, geriet plötzlich in die Mitte und kam dann beim Anfang an. Es dauerte einige Minuten, bis ich wieder zu Atem kam. Dann beruhigte ich mich ein wenig und erzählte den Hergang zusammenhängend, und nicht der leiseste Zweifel stieg in mir auf, daß der Urteilsspruch nur in einem Sinne ausfallen könnte. Aber dieser Zwischenfall sollte mir die erste große Enttäuschung meines Lebens bringen. Mein Vater hörte mich bis zu Ende an, lehnte aber jede Erörterung oder Diskussion ab. »Der Rebbe hat recht, und du hast dich wie ein Narr benommen.« Das waren seine endgültigen, in scharfem Ton gesprochenen Worte. Ich versuchte noch einmal, von Anfang zu erzählen, aber vergeblich. Mein Vater unterbrach midi und ließ mich nicht ausreden. Ich wandte midi mit flehendem Blick an meine Mutter.

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