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Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 140

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 140 (sequence 152)
Language
German
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140 SHMARYA LEVIN hatte nicht einmal die Andacht begonnen. Wir hatten noch keine fünf Minuten gespielt und bis zu den Responsen war es noch weit hin, da erschien plötzlich lautlos, wie aus der Erde gewachsen, in seinen Betschal gehüllt und mit den Gebetriemen um Arm und Stirn — Mottje die Bohne. Ich erinnere mich, daß auf einer Seite des Stirnriemens der Buchstabe Sellin (Sch, die Initiale des Wortes »Schaddai« — Allmächtiger) seine gewöhnlichen drei Punkte hatte, während derselbe Buchstabe auf der anderen Seite in einer Ekstase von Frömmigkeit in vier Punkten prangte. Da stand er nun, unbeweglich, stumm, inquisitorisch. Das kleine Heer wurde von einer Panik erfaßt. Wie Soldaten, die in einem ernsten Moment von ihrem Offizier bei Späßen ertappt waren, standen sie da, wortlos und zitternd, voll Erwartung. Ich war weniger erschreckt als verwundert. Was hatte Mottje die Bohne hier zu tun? Und wenn er wenigstens etwas gesagt hätte! Was hatte er im Sinn, als er sich mitten in unserem Spiel so verstohlen an uns heranschlich? Da stand er noch immer, stumm wie ein Geist, und blickte uns — zuerst alle gemeinsam und dann jeden von uns einzeln — mit seinen grünen Katzenaugen an. Und wir starrten ihn wieder an. Das dauerte eine geraume Weile. Auf einmal sahen wir etwas in seinen Augen funkeln. Er schien etwas zu planen und einen von uns herauszusuchen. Und richtig, bald hatte er sein Opfer erkoren. Behutsam, sachte, bedächtig, ging er auf einen meiner Spielkameraden zu, ergriff ihn mit zwei Fingern seiner Linken am Ohr und versetzte ihm mit allen fünf Fingern seiner Rechten eine schallende Ohrfeige auf die linke Backe. »Gliederjungen haben während des Gebets nicht zu spielen! Wenn alle anderen beten, haben Chederjungen neben ihrem Rebbe zu stehen. Marsch hinein, ihr Heiden!« Wie vom Donner gerührt, gedemütigt schlichen wir hinter ihm in die Schul. Nicht einer von uns fand den Mut, sich zu verteidigen oder wenigstens Widerspruch zu erheben, eine Erklärung zu verlangen. Wir folgten ihm, als ob wir wirklich ein Verbrechen begangen hätten. Aber ich entsinne mich, daß mir innerlich das Blut kochte. Erstens einmal, von wo sollten wir es herhaben? Gestern noch oder einen Tag vorher hatten wir während des langen Gottesdienstes spielen dürfen, und niemand hatte ein Wort dazu gesagt. Und zweitens, wie konnte er, wenn wir Strafe verdient hatten, einen von uns wählen und alle Schuld I

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