Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 139

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 139 (sequence 151)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
96% known words query
IRI
…/4919024-4919599--1146-4919750
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

139 Slimarya Levin: Mottje die Bohne Schon ehe ich Chederknabe wurde — ich glaube von drei Jahren an — verging kein Tag, ohne daß ich regelmäßig zum frühen Morgen-, zum Nachmittag- und zum Abendgebet in die Synagoge ging. Entweder ging ich mit meinem Vater oder mit meinem fünf Jahre älteren Bruder Meyer, der bereits Gemaraknabe, das heißt Talmudschüler, war, als ich in den Cbeder eintrat. Meine Mutter, die niemals ihre Gebete versäumte, machte es sich zur besonderen Pflicht darüber zu wachen, daß wir die unsrigen nicht vernachlässigten, obgleich wir in Wirklichkeit gar nicht in die Synagoge gingen, um zu beten. Wir waren nur in Bereitschaft. Es waren nämlich bloß zwei Besponsen, die wir wie die Großen mitsprechen mußten; die ganze übrige Zeit konnten wir draußen spielen. Wir spielten mit Nüssen, vergnügten uns an Laufspielen, Wettkämpfen, spielten Krieg und alles Mögliche. Einer von uns wurde jedoch an der Synagogentür als Wache aufgestellt. Es war seine Aufgabe, zu wittern, wie es stand, und herauszuspüren, wann der Augenblick nahe war, an dem wir zu den Besponsen erscheinen mußten. Da wir noch zu jung waren, den Gebeten im einzelnen folgen zu können, waren wir genötigt, uns nicht auf unser Wissen, sondern auf unseren Instinkt zu verlassen. Und sobald der Posten an der Tür »holla, die Besponsion!« ausrief, unterbrachen wir unser Spiel sofort — mochte es auch seinem spannendsten Höhepunkt nahe sein — und stürzten in die Synagoge. Und nun kam mein erster Konflikt mit Mottje der Bohne. Ich bin nicht ganz sicher, ob er am ersten oder am zweiten Tag nach meinem Eintritt in den Glieder kam, aber er kam früh genug. Und das ging so zu: In meiner kleinen Gruppe war ich der Oberbefehlshaber, ich gab regelrechte Anordnungen, welche Spiele gespielt und zu welcher Zeit sie vorgenommen werden sollten. Offenbar hatte ich die Tragweite der Veränderung, die durch den Eintritt in den Cheder in meinem Leben vorgegangen war, noch nicht ganz erfaßt, genug, an dem betreffenden Morgen sammelte ich, kaum daß ich in der Synagoge war, mein Heer, rückte mit ihm aus und bestimmte das Spiel. Ich hatte nicht einmal Sorge getragen, eine »Schildwache« zu ernennen, denn es war noch viel zu früh. Der Kantor

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.