Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 148)
- Language
- German
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136 DR. RICHARD KARPE zieren gegangen, schön gekleidet mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopfe. Da kommt ein Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze in den Kot und ruft dahei: Jud, herunter vom Trottoir! ,Und was hast Du getan?' Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben, war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von dem großen, starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte. Ich stellte dieser Situation, die midi nicht befriedigte, eine andere gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in welcher Hannibals Vater, Hamilkar Barkas, seinen Knaben vor dem Hausaltar schwören läßt, an don Römern Rache zu nehmen. Seitdem hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien.. . Und vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses Kriegsideals noch weiter zurück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freundschaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren der beiden Gespielen hervorrufen mußte.« Freud ging noch weiter und zeigte, daß das Träumen selbst den Rest einer kindlichen seelischen Tätigkeit darstelle. Es ist Kinderart, Wünsche, die die Wirklichkeit nicht erfüllt, sich als erfüllt vorzustellen. Es ist eine spätere seelische Fähigkeit, auf Wünsche, ohne Ersatz zu finden, verzichten zu können. Im Wachen sind wir erwachsen, in der Nacht fallen wir in frühere Seelenzustände zurück. Aber es ist nicht nur ein unbedeutendes Kuriosum, das hier seinen Ausdruck findet. Der Traum verrät uns, welche der Kindheit entstammenden Tendenzen heimlich in unserer Seele ihr Wesen oder ihr Unwesen treiben. Der Traumdeuter ist ein Detektiv, der den getarnten Verbrecher entlarvt, der ihm die Maske vom Gesichte reißt und erst dadurch sein weiteres Wirken unmöglich macht. Man war schon vor Freud darauf aufmerksam geworden, daß im Traume Kindererlebnisse, die vergessen schienen, wieder zum Vorschein kamen. Erst Freud entdeckte aber, daß ihnen eine entscheidende Bedeutung am Zustandekommen des Traumes zuzusprechen sei. Darüber hinaus konnte er in der analytischen Behandlung nervöser Erwachsener sehen, wie sehr die Symptome seiner Patienten auf unerledigte Kindererlebnisse zurückzuführen seien. Immer tiefer in die Kindheit mußte er seine Analysen führen, wenn er sein Verständnis für seine Patienten vertiefen und damit seine therapeutischen Möglichkeiten erweitern wollte. Auch vor Irrwegen blieb Freud nicht verschont. Er be-