Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 129)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/4919024-4919599--1124-4919728- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ERLEBNIS MIT DEM MOND 119 einzige großzügige Wunsch, dessen ich mich erinnere, zum Teufel. Was dann an Wünschen kam, war nebensächlich: ein Pferd, eine Frau, noch ein Pferd oder ein Kamel, noch eine Frau, einen Krieg zu gewinnen, stets das Notwendige im Überfluß zu besitjen, einem Bekannten ungestraft die Zähne einschlagen zu dürfen, durchwegs Kleinigkeiten, kein Wunsch mehr, mit dem Mond in Beziehungen zu treten. Was war auch nach einer derartigen Enttäuschimg noch von mir zu erwarten? Stamme ich doch zu allem aus einer Familie, in der es nur ein einziges Mal einen Anfall von Großzügigkeit gegeben hat. Damals nämlich, als einer meiner Verwandten einen alten Topf mit Goldstücken, in irgendeinem Krieg vergangener Jahrhunderte vergraben, zu Tage beförderte und den Erlös dieses Fundes in einen Hühnerhof verwandelte. Es starben aber schnell, unnatürlich1 schnell, die Küken dieser Großzügigkeit. Seit dem Mondereignis sind viele Jahre vergangen. Ich denke selten an diese lächerliche Geschichte, aber seit kurzem habe ich, wie gesagt, ein merkwürdig drängendes Bedürfnis, davon zu sprechen und seit kurzem überfällt mich auch immer wieder eine unerklärliche Sehnsucht nach dem Mond. Vielleicht ist es eine Alterserscheinung, aber auf alle Fälle verstehe ich diese Sehnsucht nicht. Habe ichi ihn doch aus allen Positionen gesehen in den Jahren meines Lebens, vom Dach meines Hauses aus, vom Krankenbett, aus den Höhlen, aus denen wir auf die Feinde schössen, in der Wüste und auf den Bergen und, weiß Gott, wo noch. Aber, seit einigen Wochen ist es mir nicht zu viel, gleich meiner Schildkröte Zab, nächtelang Vollmondbäder auf der Zisterne im Garten zu nehmen. Es ist eine angenehm distanzierte Freundschaft zwischen uns beiden, die durch keinerlei wissenschaftliches Interesse meinerseits getrübt wird. Ein Verhältnis, wissen Sie, wie man es etwa zu einem Gläubiger hat, dem man bis auf den letzten Gurusch ausgezahlt hat, was man ihm schuldete. Wir haben einander, wenn man es richtig bedenkt, nichts vorzuwerfen, weder Untreue, noch enttäuschte Liebe. Daher sind wir Freunde. Trotjdem er mir, seit damals, nie mehr zuwinkt mit seinem rechten Auge. (Meiner Scliwester als Gruß!)