Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 128)
- Language
- German
- Belongs to
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118 M. J. BEN-GAVRIEL Dieses Glück rief aber wieder eine Ratsversammlung hervor. Sie waren in der Mißbilligkeit deB Geschenkes meiner Mutter einig. Anderer Leute Kinder, sagten sie, die nicht schlechteren Blutes sind, hätten keinen Mond als Spielgefährten, sonderlich jetjt nicht, in diesen außerordentlich teuren Zeiten. Wenn man einem Kind alles nachgäbe, räche sich dies dann bei späteren Gelegenheiten. Es könne sich eines Tages die Welt wünschen, was ihm dann meine Mutter geben würde, fragten sie höhnisch. Ja, was dann? Ich wußte zwar nicht, was die Welt sei, die ich mir eines Tages wünschen könnte, aber ich lachte. Weniger über sie, als aus dem Gefühl der Freude, weil mein Freund neben mir lag. Das Lachen verging mir aber. Eines Abends, ich lag still und zufrieden neben meinem Freund und blickte in die blaue Finsternis, die vor dem Fenster sich emporwölbte, als sich plötdich hinter der Moschee ein gelbes Licht heraufschob, das immer größer wurde, immer höher heraufkam — da schrie ich auf und erhob mich voll Grauen: aus dem Licht über der Moschee wurde plötjlich eine blanke gelbe Scheibe, die schließlich feist und lachend auf der Spitze der Kuppel saß. Das war ein Erlebnis! Verdammt ja, das war ein Erlebnis, das erste wahrhaft erschütternde Erlebnis meines Lebens. Voll Grauen tastete ich neben mich. Unbewegt lag mein Freund neben mir. Wie gestern und ehegestern. Und der dort oben';' »Wer bist du?« schrie ich auf, »wer?« Es dauerte ziemlich lange, bis ich erkannte, um was es eich handelte, denn dies war ja der erste Betrugsversuch, den das Leben an mir unternommen hatte. Langsam dämmerte es mir: man hatte mich betrogen. Betrogen, im wahrsten Sinn des Wortes. Man hatte mir ein Abbild des Mondes gegeben, ein Mondfalsifikat sozusagen, offensichtlich eine Mondfälschung. Und ich hatte ihn geliebt, diesen gefälschten Freund, hatte ihm echte, wahre Freundschaft gegeben, ihm, der gar nicht Der war, mit dem ich Freundschaft geschlossen hatte. Meine ganze Liebe hatte ich verschwendet an einen, der gar nicht war. Da weinte ich zum erstenmal in meinem Leben Tränen der Enttäuschung. An ein solches Weinen erinnert man sich auch in späteren Jahren, wenn Enttäuschungen zum festen Bestand des Alltags geworden sind. Was soll ich noch erzählen? Es ist nichts mehr zu erzählen. Die Geschichte ist aus. Großzügigkeit war ihnen fremd, daher betrogen sie mich. Auf diese Weise ging der