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Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 117

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 117 (sequence 127)
Language
German
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ERLEBNIS MIT DEM MOND 117 mir noch nichts mitgeteilt hatte, erregte mein restloses Interesse. Ich setjte mich auf, schaute ihn tief an und trug ihm meine Freundschaft an. Er schien einen Augenblick zu überlegen, dann zwinkerte er mir wieder mit dem Auge zu, was, wie mir schien, eine Art Zustimmung bedeutete. Befriedigt legte ich mich wieder hin und begann vor Freude zu singen. Das Singen von Kindern in diesem Alter wird aber zumeist falsch ausgelegt, meist als Zeichen von Mißvergnügen oder von Schmerz gewertet. Natürlich erschien sofort meine Mutter, um zu sehen, was mich aus dem Schlaf geweckt hatte. Sie trat vor midi hin und verdunkelte durch ihre Gestalt den Mond. Ich fühlte mich dadurch in meinen Freundschaftsrechten benachteiligt und rief: »Ich will den Mond, den Mond will ich, den Mond, meinen Freund.« »Er ist zu weit, viel zu weit entfernt! Schlaf du! Wenn du groß sein wirst, kannst du selbst versuchen, ihn dir zu holen.« Er, mein Freund, ist zu weit? Dieser Gedanke überschritt mein Verständnis, da ich ihn doch eben vor mir gesehen hatte, zum Greifen nah vor mir. Was hätte ich anderes tun können, als zu weinen. So weinte ich zwei Tage und zwei Nächte. Ununterbrochen, denn schon damals verfügte ich über erstaunliche Ausdauer. Bekämpfte auch den Medizinmann, den meine Mutter bestürzt geholt hatte, durch vollendete Mißachtung und erwartete mir sehr wenig von der Ratsversammlung, zu der die Freunde meiner Eltern schließlich zusammentraten. Jemand prophezeite, daß ich höchstwahrscheinlich am Galgen enden würde. Dies ergriff mich, denn damals hatte ich schon längst beschlossen, dem Beruf eines Seeräubers mich zuzuwenden. Andere wieder, darunter ein Mann mit einem riesigen Bart, gaben meiner Mutter den Rat, mich solange zu prügeln, bis ich den Mond vergessen haben würde. Meine Mutter aber ging schließlich doch ihre eigenen Wege. Am dritten Tag gab sie mir den Mond. Er, mein erster Freund, lag nun gelb und friedlich neben mir auf dem Kissen. Er teilte das Lager mit mir, ging mit mir spazieren und verließ mich zu keiner Zeit des Tages und der Nacht. Verständig hörte er mir zu, wenn ich ihm meine Ansichten vortrug, unterbrach mich niemals und langweilte sich nicht in meiner Gesellschaft, wie es die Erwachsenen immer tun, nachdem sie begeistertes Interesse geheuchelt haben. Ich hatte längst aufgehört, zu weinen, denn ich war glücklich. Wirklich und wahrhaftig: restlos glücklich.

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