Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 124)
- Language
- German
- Belongs to
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114 IRMA SINGER (DAGANIAH) in langen Reihen in regelmäßigen Abständen viereckige Teigstückchen gelegt und auf jedem Teigstückchen sitjt eine dunkelblaue Pflaume: Kurz und gut, meine Mutter macht Zwetschkenknödel. Neben meiner Mutter steht Dan auf einem kleinen Schemel, damit er an den Tisch heranreiche. Er hat eine weiße Schürze vorgebunden, die Hemdärmel sind aufgekrempelt und seine Wangen ganz rot. Als ich die Tür aufmache, wendet er nur halb seinen Kopf von dem Brett und ruft mir zu: »Mutti, ich habe keine Zeit, ich arbeite, ich mache mit der Großmutter Zwetschkenknödel.« Dabei spricht er das Wort Zwetschkenknödel verstümmelt deutsch aus. Die Mutter aber blickt mich mit einem spitjbübischen Lächeln an und sagt zu mir: »Die Spielsachen sind eingepackt im Schrank, die kannst' du, wenn du willst, zurücktragen...« Und Dan schreit mir noch einmal zu: »Mutter, ich arbeite!« Ja, hier hast du bewiesen Dan, daß du der Sohn deiner Eltern bist, daß du das Kind aus dem Jordantale bist, wo die Arbeit unser Leben erfüllt und uns die Zeit vorbeigleiten läßt, so daß wir kaum ihren Flügelschlag empfinden. . . Nun ist Dan ein großer Junge und vor nicht langer Zeit hatten wir ein Gespräch und wir erinnerten uns gemeinsam an die kurze Zeit ■— die Dan als die unangenehmste seines Lebens betrachtet — da wir gemeinsam bei der Großmutter jenseits des Meeres waren. Dabei fragte ich Dan: »Nun und welche ist deine schönste Erinnerung an jene Zeiten?« Es kann sonderbar dünken, aber sonderbar sind oft die Gedanken- und Gefühlsgänge eines Kindes, unverständlich den Erwachsenen und auch unerklärlich oft jenen, die die Kinderseele zu verstehen gedenken. Denn Dans Antwort auf diese Frage war nicht der Besuch im zoologischen Garten und nicht die lüstige Zeit, die er im Prater verbrachte, nicht die vielen Maschinen, die er sah, Dans Antwort war — auch mir unverständlich. Denn der große, zwölfjährige Bub sagt nach kurzem Nachdenken mit ernster Stimme: »Ich denke, die schönste Stunde in Europa war, ah ich mit der Großmutter Zwetschkenknödel machte« .. . Wenn sich im Jordantale im April die Berge fahl zu färben beginnen, wenn der heiße Chamsinwind über die frühen Stoppelfelder streift und die letjten lila Jekorandablüten von den Bäumen gefallen sind, erwacht in mir fast