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Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 112

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 112 (sequence 120)
Language
German
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112 IRMA SINGER (DAGANIAH) Pferd nicht alleine in den Straßen der Stadt spazieren ging, das ist wohl selbstverständlich. Es war, so wie man es mit den Pinzgauer Pferden zu tun pflegt, vor einem Kohlenwagen gespannt, der höchstwahrscheinlich vor diesem Hause geleert wurde. Ich weiß nicht wie es kam, aber mit einem Male fühlte ich, daß Dans kleine, mollige Hand sich nicht mehr vertrauensvoll in der meinen befand und mit einem erschrokkenen Ruck drehte ich mich um und suchte nach Dan. Ich weiß heute nicht mehr, was für ein Gesicht ich damals gemacht habe, aber der Schreck, der mich damals durchfuhr und der doch gemischt war mit einem großen Willen zum Lachen, den kann ich heute noch nachempfinden. Oben auf dem Kohlenwagen, auf einem Haufen von schwarzen, leeren Säcken, saß Dan, mit einem glückstrahlenden, verlorenen Gesichtchen auf uns herabblickend. Sein weißer Anzug ähnelte den schwarzen Säcken auf denen er saß, sein Gesichtchen war wie jenes der Kohlenarbeiter, die gewiß in dem nächsten Augenblick aus dem Haustore heraustreten und Dan anschreien werden, ja sogar seine blonden Locken, diese Spezialität der palästinensischen Kinder waren schwarz. Ich denke, daß Dan mein erschrokkenes Gesicht nicht einmal bemerkte, denn mit seinen strahlenden Augen rief er zu mir herab: »Mutter, jetjt fahre ich nach Hause! Jetjt aber fahre ich wirklich nach Hause!« Und dabei machte er mit seiner Hand eine Bewegung, als hielte er eine Peitsche in der Hand und schwinge sie. Nun, wie es gewöhnlich im Leben geht, daß man aus einem sehr schönen Traum nur ungern zur Wirklichkeit zurückfindet, so erging es diesmal auch Dan. Ich brauche wohl nicht zu erzählen, daß Dan aus eigenem Willen nicht herunterklettern wollte von diesem olympischen Sit} und daß er — mitten auf der belebten Straße wieder einmal der Mittelpunkt eines kleinen Menschenauflaufes wurde und mit Gewalt heruntergeholt werden mußte. Auch der Weg nach Hause in dem einmal weiß gewesenen Anzug war weder für Dan, noch für mich, seine Mutter, ein besonderes Vergnügen und wir waren beide froh, als wir, reingewaschen und frisch angezogen, diese ganze Begebenheit als Episode hinter uns hatten.. . =:•

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