Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 107

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 107 (sequence 115)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4919024-4919599--1110-4919714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DAN IN DER FREMDE 107 Einmal aber kam eine gute Freundin zu Besuch und sie wollte sehr den kleinen Palästinenser sehen. Der war inzwischen heimischer geworden und, wenn ich dabei war, auch ziemlich freundlich. Ich glaube, daß nur jener ihm nachempfinden kann, was für schwere Zeiten er durchzumachen hatte, der plötjlich unter Menschen gerät, die ihn nicht verstehen und der kein einziges Wort von ihnen versteht. Dan war neidisch auf jeden, mit dem ich paar Worte in einer fremden Sprache sprach und es war nur zu selbstverständlich, daß er sofort, wenn jemand kam, auf mich einzureden begann, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Daß ihn seine Verwandten deshalb als ungezogen schalten, das war wirklich nicht seine Schuld... Nun und als die Tante kam und diesmal mit ihm hebräisch zu reden begann, lief er aus seinem Zimmerchen sofort, dem Klang der Muttersprache entgegen, als sie ihm »Schalom!« sagte, ging er zu ihr, schon hob er seine kleine Hand, um sie zu begrüßen, da machte er kehrt, versteckte seine Hand störrisch hinter dem Rücken und sagte: »Nein!«. Das ärgerte mich selbstverständlich sehr, ich nahm ihn ein wenig ungeduldig bei der Hand und sagte: »Jetjt wirst du aber... Sie spricht doch hebräisch, sie ist doch in Daganiah gewesen, zwar zu Besuch, aber sie kennt den Vater, den Josef . . .« Dan hielt seine Hand auf dem Rücken. Dann aber zog er mich zu sich herab, nahm meinen Kopf zwischen seine Arme und flüsterte mir etwas ins Ohr. Ich verstand nicht gleich. Er sagte es nochmals, deutlich: »Ich werde ihr nicht die Hand geben, bis sie nicht die Strümpfe von den Händen abnehmen wird.« Jetjt verstand ichs! Unsere Bekannte reichte ihm eine behandschuhte Hand, und der Dorfjunge sträubte sich dagegen . . . Es ist heller Nachmittag... Wir beide gehen durch die Straßen. Sie sind voll von fremden Menschen, und wir sind gegenseitig froh, uns von zu Hause erzählen zu können. Dan hat nicht besonders viel Interesse an den Straßen. Ja, wenn manchmal der elektrische Straßenkehrwagen vorbeifährt, oder die Feuerwehr, oder ein besonders schönes Auto, dann verfolgt sie' Dan mit großer Spannung. Auch die verschiedenen Auslagen interessieren ihn. Es gibt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.