Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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7i< S. L. MOSKOVIGS Kinderträume in meinem Gehirn schwebten, in tiefem, ruhigem Schlaf, fühlte ich die zarte, warme Hand meiner Mutter auf meiner Stirn: »Kind, es ist Zeit, in den Cheder zu gehen.« Das warme Bett zog mich zurück, der Körper sehnte sich nach Ruhe — Vergehens. Ich wasche sechsmal meine Hände, sofort nach dem Aufstehen (man darf nicht vier Ellen' mit ungewaschenen Händen gehen), nachher den ganzen Körper. Die Mutter brachte meine Schläfenlocken zu recht. Sie reichte mir leeren Tee (es ist verboten, vor dem Beten zu essen), und ich eile hinaus in den dunklen, kalten Wintermorgen. Der Cheder, ein niedriges, bis zur Erde gebogenes Häusehen, das nur aus einem Zimmer und einer Küche bestand und zugleich als Wohnung für den Rebben und seine Familie und als Lehrstube für die Chederkinder diente, war schon hell erleuchtet. Die Petroleumlampe, die an einem dünnen Draht von der hölzernen Zimmerdecke herabhing, sandte ihre Lichtstrahlen auf den schneebedeckten Hof. Der Rebbe saß an dem langen Tisch und sagte leise, mit klagender Stimme, die Psalmen. Die Rebbezin 8) saß beim warmen Ofen und schälte Kartoffeln. Der Unterricht begann. Bald füllte sich das Zimmer, der Hof, die Gasse mit lauten Stimmen aus dem Munde von vierzig Kindern, die mit traurig klingender Melodie »Thilim« sagten. Nachher wird das tägliche Gebet angestimmt. Jeder sagt ein Kapitel, langsam, mit gezogener Stimme, damit kein Wort verloren gehe. Nach dem Gebet kommt das Frühstück: die Kinder waschen die Hände, ziehen das von zu Hause mitgebrachte Brot oder Butterbrot aus der Tasche, sagen laut den Segensspruch und beginnen zu essen. Der Rebbe nimmt Thalit und Tfilin, küßt die Mezuze und geht langsam ins Bethamidrasch. Die Rebbezin übernimmt nun die Rolle des Aufsehers. Glücklich ist der, den die Rebbezin beauftragt, Einkäufe zu machen oder das Kind in der Wiege einzuschläfern. Der hat es gut, der kann sich, bis der Rebbe kommt, frei bewegen und wird auch selten geprügelt. Die Betezeit des Rebben ist die schönste und glücklichste Zeit des Tages. Die Kinder spielen mit Knöpfen auf dem langen Tisch, tauschen verschiedene kleine Gegenstände aus, bis der Rebbe zurückkommt; dann wird es still. »Wer war schlecht?« Das ist die erste Frage des Rebben an die Rebbezin. Und dann geht es los. Das lange Pfeifenrohr wird nach links und rechts geschwungen. Zu Mittag können viele Kinder den Eltern schöne Geschenke nach Hause bringen: