Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 77

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 77 (sequence 83)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/4919024-4919599--1078-4919682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

77 S. L. Moskovics (Mukacevo). Cheder-Erinnerungen Noch leben in meinem Gedächtnis die Erinnerungen aus meinen frühesten Kinderjahren. Wie dunkle Schatten ziehen sie durch mein Gehirn, voll Schmerz und Leid. Schöne, frohe Jugendzeit! wie entfernt stehst du am Horizont des armen jüdischen Kindes im jüdischen kleinen Städtchen im1 Osten! Wie im Traum erinnere ich mich des Tages, als der Rebbe1) zum erstenmal in unser Haus kam. Mein Vater, der Rabbiner unseres Städtchens, ein sehr frommer Chassid, empfing den Rebben aufs freundlichste. »Ich übergebe Ihnen«, so sagt er, mit dem Finger auf mich, das vierjährige Kind weisend, »das Kind; der Junge soll ein berühmter Zadik 2) werden.« Der Rebbe zog ein »Alefbeth« aus der Tasche, legte es auf den Tisch, streute einige Bonbons über das Papier und sagte zu mir: »Das hat dir der Engel geschickt.« Von diesem Tage an war ich ein Chcderkind. Am zweiten Tage ließ mir meine Mutter meine lockigen Haare abschneiden; es blieben nur die Pejoth3) stehen. Sie legte die Haare auf eine Wagschale, auf die andere silberne Münzen und übergab das Geld dem Vater, der mich ins Cheder trug. Mit den Silbermünzen wurde ich dem Rebben übergeben. Nach sechs Monaten hatte ich schon »Ganztraf« 4) erlernt. Nach einem Jahre betete ich schon fließend aus dem Sidur und so wurde ich ein Chumisch-Kind, d. h. ich begann die Bibel zu lernen. Der Rebbe teilte meinem Vater die freudige Nachricht mit; erfreut nahm mich dieser in seine Arme, küßte mich, führte mich ins rituelle Bad, wo ich siebenmal meinen Körper untertauchen mußte, nachher wurde ich in einen Tales eingewickelt und in den Cheder geführt. Abends war ein kleines Familienfest. Der Rebbe stellte midi auf den Tisch, gab mir einige Fragen aus der Bibel, deren Beantwortung ich im Cheder erlernt hatte. »Kindleben, sag mir, wer war Moses?« fragte der1 Rebbe. Ich: »Moses war ein sehr guter Jude, diente dem Vater im Himmel und lobte seinen großen Namen; der Allmächtige übergab ihm die Tora für die jüdischen kleinen Kinder.« Mit diesem feierlichen Tage waren meine schönsten Kinderjahre dahin. Schon in den frühen Morgenstunden, als noch die süßen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.