Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4919024-4919599--1077-4919681- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
76 WILLY HAAS Wenn es heute eine junge jüdische Generation gibt, die hingeopfert wurde und dennoch weiterieht, die weiterieht mit einem zerschnittenen Lebensfaden, nicht sicheroh sie ihn an einer anderen Stelle werde wiederanknüpfen können, die das Entscheidende erfahren hat hevor sie es hegreifen konnte, die zweifelt, ob es ihr bestimmt, ob es ihr noch möglich sei, das Große zu tun, das Ziel der Verheißung zu erkennen: so blicke sie hoffnungsvoll zu Isaak auf. Im Negativen liegt hier das Positive. Leicht ist es, die Bestimmung zu sehen und zu verwirklichen. Schwer ist es. nicht zu sehen, nicht zu verstehen und dennoch in Reinheit und Demut dem Ziel der Bestimmung zuzuwirken. Es ist vielleicht das Größere: Blind, nicht wissend, nicht verstehend, vergeblich fragend, zum Opfer ausersehen worden zu sein, — und dennoch zu leben, dennoch die Fackel der Verheißung brennend und unversehrt in die Zukunft zu tragen. Isaak ist ein Auserwählter, wie Abraham, wie Jakob, wie Josef und Moses. Gott hat den Bund Abrahams mit ihm erneuert, Gott hat ihn gesegnet — nicht mit Wissen, nicht mit Verstehen, aber mit dem Schwereren, was vielleicht vor Ihm mehr gilt als Alles andere: daß Isaak trotzdem nicht an seiner Bestimmung zweifle und sie dennoch erfülle. In der Verzweiflung dieses Gedankens liegt seine Größe. Andere Generationen mögen vielleicht glänzender in der Geschichte dastehen — in Wahrheit aber ist »die Zwischengeneration«, die Isaak-Generation, die Größere, sie kann es zumindest sein, wenn sie es will. Es gibt etwas Seltsames in der Geschichte Isaaks, was wir absichtlich bis zum Schluß aufbewahrt haben: Hier ist zum erstenmal in der Schrift ein antijüdischer Ausbruch des Volkes verzeichnet, in dessen Mitte Isaak und die Seinen wohnen. Und zwar in wenigen Worten schon mit allen psychologischen Zügen, die diese periodischen Ausbrüche im Laufe der Jahrtausende dann immer wieder genau so aufgewiesen haben. Plötzlich scheint es den Philistern, daß die Juden »zu mächtig« würden. Sie zerstören ihre Brunnen, sie vernichten ihre Saat, sie brechen das Bündnis ihres Königs Abimelech mit Abraham und vertreiben die Juden. Es scheint mir kein Zufall zu sein, daß hier, mitten im Leben Isaaks, ganz unvermittelt zum erstenmal von etwas die Rede ist, was dann in einer endlosen Kette immer wiederkehrt und was wir selbst mit besonderer Gewalt erlebt und erlitten haben: der ausbrechende Haß gegen die Juden, und ihre Vertreibung.