Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 81)
- Language
- German
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TRAKTAT VOM JUNGEN ISAAK 75 sollte. Aufgeopfert und dennoch weiterlebend. Eine Generation, die nicht mit einer großen Tat in die Geschichte kommt — Nachfahren und Vorfahren. Es gibt viele Menschen, die, mit achtzehn Jahren ein Erlebnis hatten, das sie nun für ihr ganzes Leben zu repräsentieren und zu symbolisieren haben, ohne daß sie es selbst im spätesten Alter in sich reflektiert, verarbeitet, sich vollkommen bewußt gemacht hätten. Ein solcher ewig Achtzehnjähriger ist Isaak. An der Neige 3eines Lebens ist er noch immer der Bünde — wiederum und noch immer der Blinde, der nicht weiß, wie ihm geschieht, der seinen Segen und das Erbe der Verheißung blind ausstreut. Gott lenkt es richtig — er, Isaak, kennt nicht die Bestimmung, er erkennt nicht den Bestimmten. Wiederum wird ihm das Große nur, das Erbe der Verheißung weiterzugeben, wiederum tritt es nicht in ihn ein, wiederum wird es nicht ein Stück seines eigenen Schicksals, sondern ein Stück Schicksal des Sohnes Jakob, wie es einmal ein Stück Schicksal seines Vaters Abraham war, aber niemals sein, Isaaks, eigenes Schicksal. Wiederum und nochmals ist er der Achtzehnjährige: wiederum fragt er vergeblich. Diese eine Frage, diese eine Geste ins Leere bestimmt ihn für sein ganzes Leben. Hier ist er stehengeblieben. Wenn wir nicht irren, so ist es das, was Goethe meint, wenn er von der »Entelechie« des Menschenlebens spricht: daß ein Jüngling, dem mit achtzehn Jahren das Entscheidende geschieht, noch mit hundert Jahren der Achtzehnjährige bleibt, dem das Entscheidende geschieht. Wenn das Überzeitlich-Metaphysische, Unwandelbar-Antihistorische des biblischen Geschehens auch seine historische Seite in der Welt des Wandelbaren hat, so bedeutet Isaak das Requisit der Geschichte, dessen sie sich bedient zu einer Bestimmung, die dieses Requisit nicht kennen kann. Hegel spricht da von einer »List«, von einer List der Weltvernunft, der historischen Bestimmung. Aber wie in dieser Hinsicht Isaak vielleicht der geringste der Patriarchen ist, so ist er andererseits gerade deshalb auch der Wichtigste. Nichts von dem Größten, das geschah, hätte ohne ihn geschehen können: weder das Opfer Abrahams noch der Gotteskampf Jakobs. Wo er handelt, wo er genannt ist, mag seine Bedeutung zweifelhaft sein. Aber wo er nicht genannt ist, ist sie unbestreitbar. Er ist die Zwischengeneration, die die Fackel der Verheißung weitergibt, damit sie nicht erlösche. Das ist das Wichtigste. Hier ist er er selbst — nicht mehr der Sohn Abrahams,' nicht mehr der Vater Jakobs.