Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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70 Willy Haas: Traktat vom jungen Isaak Für Thomas Mann Der junge Isaak bewegt mich, nicht nur weil ich seinen Namen trage, sondern weil seine Gestalt rührend und erhebend ist zwischen den glanzvolleren, die ihn umgeben. Er ist das Kind einer Verheißung und vorerst eigentlich nicht viel mehr als nur dieses. Er wird geboren und ist da, damit die Verheißung in Erfüllung gehe. Zuerst ist er der Sohn seines Vaters — dann der Vater seiner Söhne. Und es ist schwer, die Stelle in seinem Leben zu finden, in der er er selbst ist, nichts weiter als er selbst. Als Knabe hat er ein großes Erlebnis gehabt, er sollte geopfert werden. (Nach der späteren Überlieferung war er damals freilich schon siebenunddreißig Jahre alt, aber die Erinnerung der Welt, der wir mehr glauben, sieht ihn in diesem Augenblick als Knaben, als Jüngling, etwa als Achtzehnjährigen.) Es ist der einzige Augenblick, in dem der Jüngling überhaupt als aktive Gestalt auftritt, aktiv aber auch nur in dem bescheidenen Sinn, daß man daraus einigermaßen auf sein Wesen zurückschließen kann. Während er das Holz auf den Berg in Morija trägt und sein Vater das Feuer und das Opfermesser, stellt er eine Frage, — die Frage, wo denn eigentlich das Schaf zum Brandopfer sei. Auf diese Frage erhält er von seinem Vater eine ausweichende Antwort, mit der er sich sofort zufrieden gibt. Er zeigt sich hier als höflicher, stiller, wohlerzogener Knabe, der kaum die Frage gewagt haben würde, wären die Umstände nicht gar so sonderbar. Es ist fast unglaublich, aber wahr: Die Schrift hält es nicht einmal für nötig, seine Reaktion aufzuzeichnen, als er sieb doch allmählich darüber klar werden mußte, er selbst sei das Opfer. Diese vielleicht auffallendste psychologische Lücke, die die Thora überhaupt aufweist, ist natürlich immer wieder Anlaß zu Geschichten und Märchen geworden. Aber sie beweisen nur, wie so ganz und gar unsicher diese Gestalt im Gedächtnis der Gläubigen war und ist. Nach einer schönen Überlieferung soll der Vater ihm den Befehl Gottes mitgeteilt haben und in ihn gedrungen sein, ob er diesem Befehl zustimme, aus voller Seele und ganzem Herzen, ob nichts in ihm dem Befehl