Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 69 (sequence 75)
Language
German
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/4919024-4919599--1070-4919674
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

PALÄSTINENSISCHE KINDER (,') all dem breiten und zuvorkommenden Zeremoniell des arabisehen Grußes. Und wenn icli dann sage, daß ich kein Geld habe, antwortet mir die kleine Hamsiye mit einem unendlich graziösen, halb verzeihenden, halb mitleidigen Lächeln: »Heute hat man und morgen hat man nicht. Wenn du haben wirst, o Herr, wirst du mir davon geben.« Es ist ein unbedingtes Vertrauen des an Enttäuschungen noch armen Kindes, das in den seltensten Fällen mehr als ein paar Oliven und ein Stückchen Brot als tägliche Nahrung kennt. Ausdruck einer nur dem Orient spezifischen sorglosen, aber unbedingt positiven Verbundenheit mit dem Schicksal. Diesen tiefen und grundlegenden Unterschied zwischen dem orientalischen und dem europäischen Kind scheint mir ein Beispiel zu illustrieren, das aus dem chassidischen Milieu kommt: Eine silberne Taschenuhr, die mir besonders deswegen lieb ist, weil ein alter persisch-kabbalistischer Talisman an ihr hängt, ist eines Tages spurlos verschwunden. Kein Mensch war im Hause. Ausgenommen eine Dienerin, eine chassidische Frau, die unbedingt ehrlich und zuverläßlich ist. Als ich die Suche als ausssichtslos aufgeben wollte, stellte sich durch einen Zufall folgender merkwürdiger Tatbestand heraus: Am Morgen war der kleine, etwa fünfeinhalb Jahre alte Junge der Frau hereingekommen und hatte die Uhr liegen gesehen. Er nahhi sie und ging damit durch die ganze Stadt in den alten Basar, in den Hart el yahud, wo er sie für — einen Gurusch, also für etwa eine Krone verkaufte. Für den Erlös aber — er hatte, wie ich nachher erfuhr, weder mehr noch weniger, sondern geradeaus einen Gurusch verlangt — für den Erlös aber kaufte er sich weder Zuckerzeug noch einen Luftballon, was in einem solchen Fall sicherlich jedes gesunde europäische Kind getan hätte, sondern —■ ein Gebetbuch. Es war ihm unangenehm gewesen, in der Kleinkinderschule mit seinem Nachbar zusammen aus einem Buch lernen zu müssen. Die hier notierten Aussprüche und Taten scheinen mir originell, nicht aber im landläufigen Sinn »herzig« oder »altklug«, sondern Ausdruck eines bestimmten östlichen Seelenstils, der noch von fremden Einflüssen, das heißt von primär erfaßten, fremden Einflüssen ziemlich frei ist. Sie stellen das einzige unbestechliche Instrument dar, mit dem der Fremde das seelische Artgesetj des orientalischen Menschen von innen heraus zu erahnen versuchen kann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.