Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 67 (sequence 73)
- Language
- German
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PALÄSTINENSISCHE KINDER 67 Gemeinsames: sie sind Ausdruck eines unmittelbaren Erlebens, dessen Hintergrund ein tastendes Erstaunen ist und gleichzeitig ein Weltbild, das nur die zwei Pole Ja und Nein kennt. Sie kommen aus Bezirken, in denen der Wunderglaube neben dem Grammophon genau so weiterwirkt, wie das Kamel neben dem Auto oder wie der Gebrauch von Talismanen neben der Pockenimpfung: sie sind palästinensisch: uneuropäisch. Die kleine Tochter eines aus Deutschland 'eingewanderten Ehepaares kommt aus der Schule und sagt: »Weißt du, Immah, wir, in unserer Zeit, sind eigentlich sehr rückschrittlich.« »Warum?« fragt etwas verwundert die Mutter. »Nun«, antwortet die Kleine, »mit Avraham avinu (Erzvater Abraham) hat Gott seinerzeit gesprochen. Mit uns heutigen Menschen spricht er nicht mehr.« Dasselbe Mädchen kommt ein anderes Mal aus der Schule und erzählt der Mutter die eben gehörte Geschichte vom Makkabäerwunder, da man im Tempel kein öl für das Ewige Licht mehr hatte und man endlich, durch ein Wunder, ein versiegeltes Fläscluhen öl fand. Sie erzählte es natürlich in typisch palästinensischer Darstellungsmöglichkeit : »Nun, und da war nichts für das Ewige Licht und sie suchten und suchten, bis sie endlich in einer Ecke ein kleines Pah Neft (eine Kanne Petroleum) fanden.« Daß man damals, vor rund zweitausend Jahren, etwas anderes in einem solchen Fall gefunden oder auch nur gesucht haben könnte, ist für ein palästinensisches Kind eben unverständlich, denn das Kennzeichen des modernen Orients ist ja längst nicht mehr die Palme oder was man sonst auf Briefmarken oder in Reiseprospekten findet, sondern das in tausendfältigen Formen gebrauchte Blechgefäß, mit dem die Petroleumgesellschaften den Orient überschwemmen. Wie das Verhältnis des palästinensischen Kindes zu den Dingen des Tages ein durchaus spezifisches ist, so ist es auch sein Verhältnis zu Gott. Hier ist Gott dem Kind nichts Fernes, Unbegreifliches, Feiertägiges, sondern ein Begriff, zu dem es ein durchaus persönliches Verhältnis gibt: das Wunder wird alltäglich, der Alllag wird zum Wunder und Gött steht mitten in den Dingen. Beispiele dafür: Nach der monatelangeil, heißen, regenlosen Zeit fällt endlich der erste Frühregen. Kaum fallen die ersten Tropfcn, stürzt auch schon ein kleines Mädchen auf das Dach, klascht in die Hände und schreit begeistert zum Himmel: »Bravo, Elohim!« Oder: Eine Mutter fragt einen ganz kleinen Jungen, ob er weiß, was die kleine Kapsel an der Tür bedeu-