Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 65)
- Language
- German
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DAS KIND IN DER JÜDISCHEN LITURGIE 61 tannaitische Zeit zurückreichende Kommentar zum II. Buch der Tora, die Mechilta, enthält bereits den Einfall, es seien an den vier Stellen vier verschiedene Typen von Kindern Semeint, da doch in der Bibel kein Wort überflüssig ist. Dieser typologische Gedanke gefiel so sehr, daß man sich gar keine Gedanken darüber machte, ob die Fragen und Antworten den Verschiedenheiten der Frager entsprechen. Die Tradition ging auch in ganz freier Weise mit den Antworten um und paraphrasierte sie nach Belieben. An drei von den erwähnten Stellen wird die Frage des Kindes genau angeführt, an der vierten Stelle heißt es bloß: »Du sollst deinem Sohne an diesem Tag verkünden .. .« Hier scheint der Ausgangspunkt für jenen Einfall gewesen zu sein: offenbar, sagte man sich, ist hier das Kind gemeint, das noch nicht zu fragen versteht. Auch ihm, so fordert es die Bibel, mußt du vom Pessach berichten. Und dieses Wort »berichten« gab der ganzen Vortragsordnung des Abends den Namen: Haggada. Die Unterscheidung zwischen dem klugen (dabei braven) und dein bösen Kinde ist so willkürlich, daß man es noch im jerusalemischen Talmud wagte, den Bibeltext zu Gunsten der Pointe umzuändern. Der Kluge fragt nämlich: »Was ist es mit den Gesetzen usw., die Er Gott uns befohlen hat?« Der Böse fragt: »Was soll euch dieser Dienst?« Auf diesem Unterschied der Fürwörter, durch die sich der eine zur Gemeinschaft rechnet, der andere sich aber von ihr aussehließt, baut sich die Antwort auf, die dem Bösen gegeben wird. Aber in der Bibel heißt die für den Klugen bestimmte Stelle: «... die Er Gott euch befohlen hat.« Und da die Haggada den Bibeltext wieder richtiggestellt hat, paßt die spitze Antwort (»Euch und nicht ihm«) nicht mehr dazu. Der spätere Versuch, das Gewicht der Frage auf die Worte »unseres Gottes« zu legen, wodurch die Bereitschaft zur Anerkennung des göttlichen Apriori festgestellt ist, wird dem ausdrücklichen »Euch« der Antwort nicht gerecht. Der vierte, der einfältige Frager könnte genau so die Worte des klugen wie des bösen sprechen. Es ist darum nicht verwunderlich, daß die Antwort, die dem einfältigen Kinde im jerusalemischen Talmud gegeben wird, die gleiche ist, die der babylonische Talmud, dem die heutige Haggada folgt, dem Klugen vorbehält. Alle diese Einzelheiten aber zeigen nur, daß man eines wichtig nahm: die Frage des Kindes, das »Manischtane«. Das großartigste Familienfest, der Sederabend, bekommt seine Rechtfertigung und seinen Glanz von dieser Frage her. So fordert schon die Liturgie von den Erwachsenen die Re-