Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 64)
- Language
- German
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1,1) FRIEDRICH THIEBERCER Eltern und Kindern, gibt es formal keine Unterscheidung der Geschlechter und auch nicht des Lebensalters. An jedem Feiertag-Abend wird er gesprochen. Man entkleide ihn nur alles Zauberischen und jeder Deutung, daß auf magische Weise Heilskräfte für den zu Segnenden beschworen werden sollen! Der Segen im Monotheismus meint das Wunder der Geschöpflichkeit, deren sich der Segnende durch seine Beziehung zum Gesegneten bewußt wird. Allgemein und unpersönlich wie beim Priestersagen ist er ein Ausbreiten der Hände mit der Bitte um Frieden, persönlich an jemanden Bestimmten gerichtet, ist er ein Auflegen der Hände auf das Haupt des zu Segnenden und will etwa besagen: »Die mir als Geschöpf anvertraute Urkraft gebe ich weiter und damit gleichsam mich selbst.« Darum war dies auch die zeremonielle Haltung bei der Übergabe des Opfertieres an den Priester. Die Segnungen der Stammväter sind aus solcher sich selbst hingebenden letzten Kraft zu verstehen. In ihnen ist der Glaube an die Macht der in solchen Augenblicken gesprochenen Worte spürbar. Darum wählt man beim Händeauflegen Worte, die den eigenen vergänglichen Augenblick in die ewige Gegenwart der biblischen Welt versetzen. »Es mache Dich Er wie Ephraim und Menasse«, sagt man zum Sohn in Erinnerung an den Knabensegen Jakobs. Da keine Parallele eines biblischen Mädchensegens erhalten ist, sagt man zu einer Tochter: »Es mache Dich Er wie Sara, Rebekka, Kabel und Lea.« Dann wird der Priestersegen hinzugefügt, damit gleichsam der besondere vom allgemeinen Segen getragen werde. In ihrem ganzen Wortlaut wird die biblische Stelle des Knabensegens am Sinnhat Tora zitiert, wenn derjenige', der mit allen noch nicht 13jährigen Knaben zur Tora getreten ist, nach der Bibelvorlesung den Toraspruch (den alle Kinder mitsprechen) gesagt hat. Und es ist ein fast liturgischer Brauch für den so Aufgerufenen geworden, nachher an die Kinder Süßigkeiten zu verteilen. Einmal im Jahr aber bewegt das Kind geradezu das Hebelwerk des zeremoniellen Apparates: am Sederabend. Der ganze Bericht über den Ausgang aus Ägypten und seine legendäre Ausschmückung ist als eine Antwort auf die Frage des Kindes gedacht. Denn erst dann wird durch die »Haggada« eine religiöse Pflicht erfüllt. An vier Stellen der Tora (II, 12, 26 f., II, 13, 8, II 13, 14, V, 6, 20 f.) ist nämlich davon die Rede, daß das Kind über den Sinn des Pessaebfestes den Vater fragen werde, und es sind die Antworten beigefügt, die dann zu geben sein werden. Der in