Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 61)
- Language
- German
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DAS KIND IN DER JÜDISCHEN LITURGIE 57 Das Kind selbst gilt ja bis zu seinem dreißigsten Lebenstag nicht als ein geistiges Wesen. Stirbt es bis dahin, wird es gar nicht dem Zeremonial nach begraben. Es erwirbt seinen geistigen und damit menschlichen Wert erst mit dem fortschreitenden Leben selbst. Alles, was Eltern und Gemeinschaft dazu beitragen können, ist eigentlich nur dies: die Möglichkeit bieten, sich zu erziehen. In frühesten Alter setzt der Unterricht ein, damit die Unmittelbarkeit des jüdischen Lebens dem Kind atmosphärisch so vertraut sei wie die Sprache, mit der ein Mensch aufwächst, und es nicht erst die jüdischen Vorstellungen und die liturgischen Formeln aus einer fremden Sprache zu übersetzen brauche. Da die Last der öffentlichen Verpflichtungen seit je den Männern auferlegt war, beziehen sich auch die beiden wesentlichen liturgischen Feiern des Jugendalters, die der Beschneidung (Mila) und der Volljährigkeit (Barmizwa) nur auf Knaben. In beiden Fällen ist das Kind auch nur das Objekt einer für die Gemeinschaft bestimmten Handlung. Die Beschneidung durchzuführen, galt seit je als höchster Dienst für die Gemeinschaft, der nach dem Vorbild Abrahams womöglich am 8. Lebenstag des Kindes vollzogen werden soll. Sogar gewisse Feiertagsgebote der höchsten Ruhetage, des Sabbats und Jomkippur, dürfen hier zurückgestellt werden, und auch gewisse Bestimmungen des Fastens am größten Trauertag, dem Tischabeav.*) Ganz deutlich wird die reine Gemeinsdiaftsfunktion der Beschneidung an dem vielfach geübten Brauch, die feierliche Handlung in der Synagoge vorzunehmen, wo an diesem Tage als einem Fest der Gemeinde alle Bußgebete entfallen. Unmittelbar nach der Besehneidung wird der Name des Knaben zum erstenmal öffentlich »ausgerufen«. An vielen Orten (so hierzulande etwa in Königswart bei Marienbad) wurden dem Kinde eigene Wickelbänder, in die sein Name eingestickt war, mitgegeben. Sie wurden nachher dauernd in der Synagoge aufbewahrt. In vielen Synagogen hat sich auch ein mit Bibelsprüchen gezierter Sessel für den Sandek erhalten, der das Kind während der Beschneidung hält, und daneben der Sessel für den Propheten Elia, den unsichtbaren Gast, der, wie am Sederabend, einer Gemein-!:") Genauere Einzelheiten über die hier erwähnten liturgischen Bestimmungen finden sich in dem von mir im jüdischem Verlag—Berlin herausgegebenen Werke »Jüdisches Fest — Jüdischer Brauch«.