Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 56 (sequence 60)
- Language
- German
- Belongs to
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56 FRIEDRICH THIEBERGER tung des Judentums der Ausspruch, der aus einem Wortspiel abgeleitet ist: daß die Kinder die wahren Erbauer der Generation sind, d. h. daß die Frucht der Erziehung und Weitergabe des Wissens die wahre Vollendung des Erziehers ist. Denn um ein Wissen handelt es sich immer im Judentum, sowohl um das »Einschärfen der Worte« als auch um die Fähigkeit, seinem Wissen nach zu leben. Daß sich der junge Mensch vor einem greisen Haupt erheben soll, wird nicht aus Mitleid mit der schwächer gewordenen körperlichen Kraft gefordert, sondern darum, weil man vor dem größeren Wissen als dem reichern Leben Ehrfurcht haben soll. Bezeichnend ist die Stelle der Pessachhaggada, wo Rabbi Elasar ben Asarja von sich sagt: »Ich bin wie ein Siebzigjähriger...« Dieses »Wie« deutet die Legende dahin, daß er, der 18jährig zum höchsten religiösen Amt ausersehen worden war, über Nacht ergraute, damit seiner Person die Achtung entgegengebracht werde, die sonst nur einem alten Mann zukommt. Das Grundgebot von der Ehre, die man seinen Eltern erweisen soll, hat nichts mit Dankbarkeit für materielle Erhaltung zu tun. Monotheistisch gesehen, hätten die Eltern weitaus dankbarer den Kindern zu sein für die Möglichkeit, einen größeren Umkreis der Lebensaufgabe erfüllen zu können. Darum wird ein unwissender Vater in der Bedeutsamkeit für das Kind ja auch hinter den Lehrer gesetzt. Kämen Vater und Lehrer in Lebensgefahr, müßte das Kind den Lehrer zuerst zu retten versuchen. Die Jugend ist gewiß nicht für das Alter da. Sondern jede Phase des menschlichen Lebens soll um eines letzten Sinnes willen durchlebt werden. Wir sind ständig auf seiner Suche und wir haben die länger Suchenden eben darum, aber nur darum, höher zu achten. Die jüdische Liturgie drückt die Verantwortung der altern Generation diesem Ziele gegenüber aus. Denn Liturgie ist die formelhafte Sprache mit den Dingen der Welt als den Dingen der Ewigkeit. Der Vater, der seinen Sohn durch die Beschneidung in den Bund Abrahams aufnimmt, bekundet damit in einer an die Blutzeugen erinnernden Bereitschaft, daß das von ihm ins Leben gesetzte Wesen weder sich noch ihm eigentlich zugehört, sondern etwas Höherem, das sich zunächst als die Gemeinschaft der Gleichgesinnten darstellt. Es geht aber bei dieser Aufnahme in den Bund durchaus nicht um etwas Sakramentales, also nicht um das »Seelenheil« des Kindes, sondern um das Geheimnis einer Handlung, die unverständlich grundlegende Lebenskraft für die Gemeinschaft gewonnen hat.