Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 59)
- Language
- German
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55 Friedrich Tliieberger: Das Kind in der jüdischen Liturgie Der jüdische Kult kennt nicht den Kultus des Kindes. Wir Menschen sind in dieser Welt, nm einen Auftrag zu erfüllen. Die Schwärmerei für die Möglichkeiten, die in einem Menschen liegen, kann niemals dem Ernst gleichkommen, mit dem wir auf die schmale, hart erkämpfte Wirklichkeit eines Wesens hinsehen, das seine Form gefunden hat. Der Mensch wächst ständig, wie die Menschheit ständig wächst. Nur eine Zeit, die auf den Glauben des eigenen Lehenswertes verzichtet, muß ihren Sinn in dem Zauber des Neubeginnens, also auch in der Anbetung des Kindes, suchen. Das letzte Jahrhundert kam noch aus einer andern Entwicklung zu einer nahezu mythologischen Verehrung des Jugendlichen: aus einem Glauben an die ausschließliche Kraft der Natur. Soviel Naturkraft, sagte man, soviel Geist. Man sah die körperliche Natur nicht als die Voraussetzung des Lehens an, sondern als seinen Inhalt. Freilich wurde dann der Mensch von einem gewissen Stadium an geistig um so weniger wert, je älter er wurde. Die Männer nahmen ihre Bärte ah, um ja nicht ihr Alter erkennen zu lassen, die Frauen entdeckten ihre Mädchenjahre in den kurzen Kleidern und selbst die Stätten geistigen Schaffens, die Universitäten, machten es sich zum Prinzip, bei Besetzungsvorschlägen möglichst ganz junge Anwärter den Behörden zu präsentieren. Es war überall die gleiche Tendenz spürbar: Verhimmelung des Kindes, Anbetung des »Eigenwertes« im Jugendlichen. Das Judentum hat die Bedeutung des geistigen Antriebes, der in der Jugend liegt, nicht unterschätzt. Ihre Frische, Beweglichkeit, Unkenntis des Verzichtes sind für den Wissenden leicht verlierhare Bedingungen zur eigenen weiteren Entfaltung. Das Wort jenes Meisters aus den Sprüchen der Väter, daß er am meisten von seinen Schülern gelernt habe, meint eben dies. Ins Chassidisehe gewendet ist es das gleiche Wissen, das ein Rabbi von den Kindern lernen möchte: die Kunst, grundlos heiter zu sein. Und daß von Gott aus gesehen, das höchste Wissen des Menschen nicht höher steht als die Unvernunft der Kinder, meint der rührende Spruch, Gott habe auf dem Lallen der Säuglinge und Kinder sein Reich errichtet. Aber weit mehr weist nach der Grundhai-