Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 52 (sequence 56)
- Language
- German
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52 BERTHA BAB-T-STRAUSS kurz die Rede sein. Nachdem die Mutter zum ersten Mal »in Schul« gewesen war, kamen die Freunde des Hauses zu ihr ins Haus, hoben die Wiege dreimal hoch in die Höhe und riefen bei jedem Male den Namen des Kindes aus. »Holle-Kreisch« nannte man diesen Brauch — ein vielumstrittenes Wort, das aber heute wohl allgemein als »Haut-la-Creche« (hoch die Wiege) erklärt wird. Aber die Zeit der Wiegenlieder und Spiele verging; allzubald nur kam der Ernst des Lebens in Gestalt des Lernens für das jüdische Kind heran. Nach dem alten Worte der Väter lernte ja das Kind schon mit fünf Jahren die Bibel, mit zehn Jahren die Mischna — es ist beruhigend, zu denken, daß auch dies Programm in den meisten Fällen wie so viele seiner Art eher ein Soll-Programm als ein Ist-Programm gewesen ist. Jedenfalls finden wir die Zeiten der jüdischen Antike nicht ohne Verständnis für die Seele des Kindes in jener ersten und wichtigen Periode seines Lebens, die von den Pädagogen heute erst als »Spielalter« in ihrem Wert erkannt worden ist. Wenn der kleine Junge zum ersten Male zum Lehrer gebracht wurde, so gab man ihm eine Tafel mit Honig; darauf waren die Buchstaben geschrieben, die er dem Lehrer nachsagen mußte. Hinterher durfte er die Tafel ablecken — was vielleicht nicht ganz den Grundsäßen einer verfeinerten Gesundheitslehre entsprach, aber sicherlich gut schmeckte. Honigkuchen und ein Ei bekam er auch zur Erinnerung an seinen ersten Schultag — damit zeigt sich der Vorläufer der bei uns so beliebten »Schultüte«. Auch die Synagoge wußte sehr wohl, daß man den Kindern nicht allzufrüh Ernst und Andacht zumuten durfte. Drum richtete sie eine Reihe von Bräuchen ein, die offenbar besonders für die Kleinen bestimmt waren. Am Simchat Tora hatten sie das Recht, mit ihren Fähnchen durch den Tempel zu ziehen und wurden reichlich mit guten Sachen beschenkt. Am Hosehanna Rabba machte den Kindern das Ausklopfen der »Schanes« viel Freude. Wiebtiger aber war es, daß man den Kleinen schon früh bestimmte Ämter zuteilte, die sie selber höchst wichtig nahmen. Hier durften sie dem Vater die Tefilla ins Gotteshaus tragen; dort mußten sie am Freitag-Nachmittag nach Mincha rasch nach Hause gehen und der Mutter sagen, daß es Zeit wäre, die Sabbatlichter anzuzünden. Troß alledem freilich waren sie schon dazumal in der Synagoge so ungezogen, daß man ihnen bei den Sefardim eine besondere Ecke im Tempel einräumte, wo sie alle zusammen saßen — und ein Auf-