Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 51 (sequence 55)
- Language
- German
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DAS KIND IN DER JÜDISCHEN WELT 51 Mystik immer wieder beschäftigt. Wer jemals den geheimnisvoll tiefen Blick eines ganz kleinen Kindes auf sich ruhen fühlte — einen Blick, der sich zu erinnern scheint an unbekannte Weisheit, die der kleine Mund noch nicht künden kann, der versteht den tiefen Kern dieser jüdischer Sagen von den ungeborenen Kindern. Alle Weisheit ist ihnen kund, den Ungeborenen; zwei Engel unterweisen sie und führen sie an jedem Morgen in den Garten Eden und an jedem Abend in das Gehinnom, auf daß sie den Lohn des Frommen und die Strafe des Sünders kennen lernen. Fragt ihr aber: wie kommt es, daß trotzdem so viel Dummheit in der Welt ist? — So hört: am Tage, da das Kind geboren wird — da kommt der Engel und rührt es mit seinem Finger an der Oberlippe. Da vergißt es alles, was es zuvor gewußt; darum schreit es laut auf — und kommt zur Welt. Doch das Grübchen auf der Oberlippe deines Kindes erinnert dich noch lange an die Weisheit von dazumal. Wenn in alter Zeit im Lande Israel ein Kind geboren worden war, dann pfllanzte der Vater einenBaum — schöner Gruß eines landarbeitenden, erdverwachsenen Geschlechtes. War es ein Junge, so pflanzte man eine Zeder; war's ein Mädchen, so pflanzte man eine Pinie; und ein schöner Brauch wollte, daß am Hochzeitstage die Chuppa aus den Zweigen dieser beiden Bäume geflochten wurde. — Dann aber lag das Kind in der Wiege und mußte vor dem Einfluß der bösen Geister geschürt werden. Besonders Lilith, jene erste Frau Adams, stellt den kleinen Kindern nach und kann nur schwer durch Amulette und fromme Bräuche bekämpft werden. Da kommt der Kinderlehrer mit seiner kleinen Schülerschar ins Zimmer der Kindsmutter — alle zusammen sagen sie das Schma Jisrocl! Dann müssen die bösen Geister weichen. — Die Mutter aber singt ihrem Kleinen eins von jenen Schlummerliedern, die uns heute noch rühren, wo sie uns begegnen; etwa das Lied vom »klein weiß Ziegele«, das unter dem Wiegele wartet oder das andere Lied von den »Rosinkes und Mandeln«, das schon das zukünftige Leben des Kindes entwirft: wie es groß wird und Sechore (Ware) kauft, aber dabei nicht vergißt, Tora zulernen — denn das ist die beste Sechore auf der Welt. — Der erste wichtige Tag im Leben der kleinen Knaben rückt heran — der Tag der Bundesfeier, der B'rit Mila. Zu weit würde es führen, von all' den Bräuchen zu erzählen, die sie begleiten. Aber von der Namensgebung, die ja auch die kleinen Mädchen betraf, soll hier