Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 38 (sequence 40)
- Language
- German
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38 HANS LICHTWITZ Bewunderswert sind die inneren Kräfte, die das polnische Judentum gegen den permanenten Angriff auf seine Existenzbasis mobilisiert. Aber sie sind nicht unerschöpflich. Und groß, viel größer als man im allgemeinen in der jüdischen und nichtjüdischen Welt anzunehmen beliebt sind die Gefahren des physischen und moralischen Zerfalls für eine Millionengemeinschaft, der man immer mehr das bißchen frische Luft entzieht, das sie zum Atmen braucht. Man soll sich nicht daran gewöhnen! haben wir einmal in der »Selbstwehr« gefordert, nämlich an die alltägliche, systematische Judenentrechtung in Deutschland, die ohne großen Tam-Tam vor sich geht. Der zeitliche Anlaß zu jenem Mahnruf war das halbjährige Bestandsjubiläum des Dritten Reiches; inzwischen wird es und damit auch die gewaltigste antisemitische Quelle dieser Erde in wenigen Monaten bereits die fünfte Jahresgrenze erreicht haben. Man soll sich nicht gewöhnen: an Entrechtung, Entwürdigung, an den Strom Unflat, der dort ständig über uns Juden ausgegossen wird, an das Leid der Emigration und an den Zusammenbruch eines gesunden Zweiges des jüdischen Volkes. Aber — so scheint es uns — man hat sich doch an all das Unfaßbare sehr schnell gewöhnt. Denn sonst wäre nicht so gänzlich unbemerkt vom jüdischen Interesse im vergangenen Jahre der Schlußstein einer bestimmten antisemitischen Entwicklung in Deutschland gesetzt worden. Durch einen gesetzgeberischen Akt, auf den noch an anderer Stelle (in dem Beitrag »Das Kind im Dritten Reich«) hingewiesen wird, wurde der Numerus Clausus für jüdische Schüler auch auf die unterste Stufe des Erzichungswesens, auf die Volksschulen ausgedehnt. Welch große Aufregung herrschte früher einmal, wenn in irgendeinem Lande auch nur der Antrag auf Beschränkung des Hochschulstudiums für Juden erhoben wurde! Wer erinnert sich überhaupt noch an dieses »goldene Zeitalter« jüdischer Besorgtheit und jüdisch-kollektiver Empfindsamkeit? Das Abstumpfen gegen Leid und Unrecht, die einem zugefügt werden, ist ein arger Feind, der in uns frißt und es ist nicht die schlechteste und die schwächste Stütze unseres individuellen und unseres Volkslebens, die ihm zum Opfer zu fallen droht. * Aber man soll auch nicht aus purer Stumpfheit das Bild.