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Jüdischer Almanach · 1938-01-01 · 5698 (1937-1938) · p. Seite 37

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Journal
Jüdischer Almanach
Volume
5698 (1937-1938)
Date
1938-01-01
Page
Seite 37 (sequence 39)
Language
German
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DAS JAHR 5697 37 stina ist darauf gerichtet, dieses Manko zu verringern. Wer uns also Lebensquellen verstopft, muß uns neue erschließen! Jeder einzelne, der 15 Millionen Juden auf dieser Erde, hat das gleiche Recht auf ein anständiges Leben wie alle übrigen Menschen. Es gibt keine überzähligen Juden! Das ist die conditio sine qua non, die wir bei der Behandlung der Judenfrage wann immer und wo immer stellen. Darum blicken wir auch voll Ernst und Sorge nach Polen: die Emigrations- und Evakuationspropaganda, die dort im vergangenen Jahre von Regierung und Opposition, die sich ansonsten bis aufs Messer befehden, aber in diesem einen Punkte, der »Judenfrage«, treffen, mit lauter Stimme betrieben und von den kurzsichtigen revisionistischen Politikern nachgeplappert wurde, schafft eine für das polnische Judentum unerträgliche Atmosphäre. Der tägliche physische Terror hat im Laufe dieses einen Jahres über hundert jüdische Todesopfer gefordert, in einzelnen größeren Pogromen haben sich in schauriger Weise die systematisch aufgestachelten antisemitischen Ressentimente der pauperisierten polnischen Bauernmassen entladen; einen trüben Einblick in die Verfassung der Justiz gab der Prozeß über die von Pogrom in Przytik betroffenen Juden, die nach dem Grundsatze: der Ermordete, nicht der Mörder ist schuldig! gerichtet wurden. Noch weiter ging das Warschauer Gericht, das bei der Verurteilung des Juden Leib Chazkielewicz, der einen polnischen Sergeanten ermordet hatte, Pauschalverdächtigungen über die gesamte polnische Judenheit aussprach. Zehntausende Juden sind neuerdings unter die scheinbar unaufhaltsame Walze des wirtschaftlichen Pogroms geraten. Das ist das Fazit eines einzigen Jahres. Staunend stellen wir am Ende jedes Jahres die Frage: Wie ist es möglich, daß eine so vielseitig, so brutal bedrohte und angegriffene Gemeinschaft ihren Weg durch die Enge dieser Zeit findet? Aufgestappelte Vitalität, antworten die einen, mit einer in Notzeiten erhärteten Solidarität erklären es andere, vom Glauben, von metaphysischen Kräften sprechen Dritte... Es mag wohl an allen diesen Antworten etwas stimmen. Aber kennt ihr die Mär von jenem Bauern, der seiner Ziege das Fressen abgewöhnen wollte? Fast unmerklich verringerte er ihr täglich die Futterration; als er jedoch seinem Ziele bereits so nahe war, daß die Ziege fast nichts mehr fraß, wurde er vom Pech verfolgt: sie starb ihm.

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