Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5698 (1937-1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 36 (sequence 38)
- Language
- German
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36 HANS LICHTWITZ hinkt ein wenig. Ja, mit grausamer und rücksichtsloser Hand wurden auch damals jüdische Gemeinschaften bedrückt und zur Emigration gezwungen. Aber die Straßen Europas und die Tore der neuen Länder, in die man sie jagte, waren noch nicht mit jenen fast unübersteigbaren Barrikaden verrammelt, die heute das Schicksal von Millionen Juden ausweglos erscheinen lassen. Eine Million Juden sind zu viel in Polen, sagen die einen, zwei Millionen andere, drei Millionen lizitieren die Dritten. Wir sind beileibe keine Antisemiten, klingt es von allen dreien im Chore, aber wir sehen leider keinen Lebensraum für diese Millionen armer Juden bei uns in Polen. Die armen Juden! klingt das Echo voll Anteilnahme aus Amerika, Südafrika, Australien und Westeuropa zurück. Sie werden wohl irgendwohin auswandern müssen. Aber bei uns ist leider kein Platz. Wir mußten, so leid es uns auch tut, unsere Tore sperren. Irgendwohin .. . Wohin jedoch? Dieses »Wohin?«, der verzweifelte Aufschrei von Millionen Menschen, nicht nur aus Polen, müßte durch die Welt gellen und die Satten und Bequemen aus ihrer Ruhe scheuchen. Wohin, wohin? Es klang sehr matt und verzweifelt in diesem Jahre 5697, die Rufer sind müde, die Angerufenen fast taub geworden. Es sind zuviel Juden in Polen! Auch bei uns sind ihrer zuviel, tönt sogleich das Echo aus Rumänien, aus Litauen, Ungarn, von hier und dort zurück. Emigration, Emigration! dröhnt es uns vielstimmig entgegen. Wir wollen euch ja nur in euren zionistischen Bestrebungen unterstützen, meinen treuherzig so manche dieser antisemitischen Agitatoren. Pardon! Hier gibt es eine »kleine« Divergenz in dem scheinbaren Glcichklang unserer Interessen. Gewiß, auch wir erkennen die Unzulänglichkeit der jüdischen Berufsgliederung; auch wir sehen in einer Emigration, die nicht altes Leid und alte Bürden mit in die neuen Länder schleppt, also mit dem Aufbau strukturell gesunder und geordneter Judenheiten verbunden ist, einen wichtigen Schritt zur Lösung der Judenfrage; auch wir legen Wert darauf, daß die Gestaltung des kulturellen und politischen Lebens der andern Nationen diesen Selbst überlassen bleibe — aber wir gehen bei allen unseren Betrachtungen von dem einen fundamentalen Satze aus und kommen immer wieder auf ihn zurück: daß wir an dem Bestände unseres 15 Millionen-Volkes nicht rütteln lassen. Wir haben ohnehin einen für uns unzulänglichen Lcbensraum und unser ganzes Bestreben in Palä-