Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 231)
- Language
- German
- Belongs to
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229 — Sprich dort nicht im Flüsterton, Edna. Es schickt sich nicht, dass sich die Fahrgäste hinter dem Rücken des Chauffeurs leise unterhalten. Dann nahm er wieder die Rede, zu dem Weg vor sich gewandt. — Verzeih mir, Edna, dass ich nicht an mir halten konnte und dich anschrie. Mein Herz ist heute abend in wilder Erregung. Ich blickte in das düstere Schicksal meines Lebens, so düster wie das Dunkel der Steppe da vor uns. Wäre mein Los nicht besser, wenn ich mit dir dort im Innern des Wagens sässe, statt hier auf dem Chauffeursitz zu sitzen und deinen Wagen zu lenken? Glaube aber nicht, Edna, dass1 ich meinen Beruf gering achte. Im Gegenteil, ich bin stolz auf ihn, den Beruf des Autolenkers. Ich habe mein Arbeitsfeld nicht eingeschränkt auf ein kleines Stück Erde, auf eine abgegrenzte Ackerscholle. Das ganze Land ist vor mir. Ich durcheile mein Land im Fluge, erobere an einem Tage seine Berge und seine Täler, seine verborgenen Schlupfwinkel und seine glänzenden Stätten, ich, der Autolenker. Obwohl meine Eltern es sich nicht im Traume hätten einfallen lassen, dass ich eines Tages ein Fuhrmann sein würde in der heiligen Stadt Jerusalem. Diese Heiligen und Reinen, die jetzt im Schatten des Allmächtigen ruhen, glaubten in ihrer Einfalt, dass ich ein Arzt werden würde oder ein Rechtsanwalt oder gar ein Bankier, wie dein Prager Golem. Ich habe in meiner Jugendzeit auch versucht, Verse zu schreiben, aber Jehuda Halevi und Bialik waren mir zuvorgekommen. Und eine kleine Schwester hatte ich, schöner und flinker als ich, herrlich wie die Sonne. .. Aber wie oft habe ich es dir schon gesagt, Edna, dass man alle diese Dinge vergessen muss, vergessen, vergessen! Plötzlich begann er, mitten in der Finsternis der Steppe laut das Klagelied des Neunten Ab zu singen: Zions Städte wehklagen, wie eine Frau in den Wehen, und wie eine Braüt, in Asche gehüllt, um ihren jungen Gatten trauert.