Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 218)
- Language
- German
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216 ihrer Jugend, des Tages, da sie als Braut neben dem Tempel zur Rechten des Bräutigams getreten war. Da galoppiert ein Reiter auf seinem Ross daher, galoppiert auf den Trauhimmel zu. Ein Bote des Rabbi des Bezirkes mit dem Schriftstück des „Morenu" in der Hand. Die Brautführer klatschen in die Hände und rufen: Der Bräutigam gleicht einem König! Die Brautführerinnen schlagen die Brote aneinander und rufen: Die Braut ist lieblich und fromm! Und alle Leute im Umkreis rufen: Masel Tow! Masel Tow! Wer ist der Reiter auf dem Ross? Wie der Schatten eines mächtigen Felsens senkt er sich auf ihr Herz! Der Trauhimmel zittert über ihr und seine Stangen fallen zu Boden. Da bricht sie in die Knie, denn ihr Herz wendet sich ihr im Leibe um. Und als sie dem Sterben nahe ist, sprechen die Frauen, die bei ihr stehen: Siehe der Herr kommt von der Jagd. Sie aber antwortet nicht und richtet nicht ihr Herz darauf, sondern spricht: Bringet das Hochzeitskleid, das ich anhatte, als ich hergekommen war. Man bringt ihr das Hochzeitskleid, das sie anhatte, als sie ins Schloss gekommen war. Die Dienerin zieht ihr das Gewand an, das Hochzeitsgewand. Sie nimmt . ihre Kraft zusammen, um sich zu erheben und tanzend hinauszugehen. Da kommt der Fürst von der Jagd, die Kleider rot von Blut, Erschreckt lässt er seine Jagdbeute los. Sie aber haucht ihre Seele aus und stirbt. Da Hess ihr der Fürst ein Grab unter den nichtjüdischen Gräbern schaufeln. Die Knechte und alle Hofleute gingen hin und trugen sie und begruben sie unter den nichtjüdischen Gräbern. So oft es nun Nacht wird, Mitternacht, wenn der Hahn zum zweiten Mal kräht und die Sterne am Himmel stumm verblassen, öffnet sich ein Grab unter den nicht jüdischen Gräbern und eine verhüllte Frau steigt in die Stille der Nacht. Sie hat ihr Gesicht mit einem Schleier bedeckt, weil sie sich vor den Wächtern der Nacht fürchtet. Sie schreitet in ihrem schweren Kummer zu dem Orte gegenüber dem grossen Tempel. Da steigt ihr toter Bräutigam aus dem Grabe, dessen Blut unter dem Trauhimmel vergossen