Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 217)
- Language
- German
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215 nem Halse rieselte sein Blut. Ein lächelnder Zug lag auf seinen Lippen, aber zwischen seinen Lippen war seine Zunge. Schweigend hob er seine Augen zum Angesicht seiner Braut, er sah sie nicht, Blut ergoss sich in seine Augen und er lag in seinem Blut erstarrt. Der Bräutigam war tot. Vor dem grossen Tempel lag er tot. Aus seinem Halse rieselte das B'ut auf die Weisse seiner Kleider und auf sein Hochzeitskleid. Die Braut war fort, denn der Fürst hatte sie entführt. Das Mädchen hatte geschrien, aber kein Retter war da. Die Stangen des Trauhimmels waren den Händen der Brautführer entfallen und Gottes Schrekken lag auf dem Rest derer, die geflüchtet waren. Was liess sich tun? Gott hat gegeben, Gott hat genommen. Nicht zu einem Hochzeitsmahl war man gekommen, sondern zu einem Begräbnis. Die Stangen des Trauhimmels waren den Händen der Brautführer entglitten; in bitterer Verzweiflung gingen sie, um Spaten und Schaufel zu holen. Sie erhoben sich, nahmen den Leib des Bräutigams und begruben ihn. An dem Platze, an welchem sein Blut vergossen worden war, begrubensie ihn, neben dem grossen Tempel. Sie begruben ihn in den Hochzeitskleidern, in seinem weissen Kittel, der mit seinem Blut besudelt war, und in seinen Schuhen, um den Zorn zu erregen und die Vergeltung zu erfüllen. Und die blutbefeuchtete Erde gruben sie mit Schaufeln und Spaten auf und begruben sie mit ihm. So wurde sein Trauhimmel sein Grab und seine Freude ein ewiger Kummer. Die ganze Nacht durch weinten sie und hielten um ihn und seine Braut die Totenklage viele Tage. Aber auch sie sollte nicht lange im Schlosse des Fürsten bleiben, denn in ihrer Frömmigkeit weigerte sie sich, vom Gotte Israels sich abzukehren. Sie wurde immer verstörter und verdüsterter in der Schwere ihres Kummers. Es geschah eines Tages, dass der Fürst sein Schloss verlassen hatte, um jagen zu gehen. Da trat sie ans Fenster, das nach der Stadt ging, und schaute nach dem Platze beim grossen Tempel, wo der Trauhimmel gestanden war. Und sie gedachte der Liebe