Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 211 (sequence 213)
- Language
- German
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/4919024-4919342--0531-4919555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
211 SCHÖNE LITERATUR Totentanz oder Die sich im Leben innig liebten. Eine Erzählung. Von S. I. AGNON. Die sich im Leben innig liebten, werden auch im Tode nicht getrennt sein. Samuel II, 1; Weit hinten in Polen liegt eine kleine Stadt, am Ende der Stadt steht ein uralter Tempel und neben dem Tempel ist ein Hügel von vier Ellen im Geviert. Blutrote Gräser wachsen mitten aus dem Hügel. Man stellt dort keine Trauhimmel auf, die fröhlichen Stimmen der Brautleute, die unter den Trauhimmel treten, hört man dort nicht und niemand aus dem Priesterstamm Ahrons ist bis heute auf diesen Hügel gegangen. Und warum geht niemand aus dem Priesterstamm auf diesen Hügel und warum wird kein Trauhimmel dort aufgestellt? — Ich will es Euch erzählen. Vor Zeiten wohnte in dieser Stadt ein angesehener, reicher Mann von rechtschaffenem Wesen. Er hatte eine einzige Tochter, zart und edel, schön wie die Sonne, rein wie der Mond. Als ihre Zeit gekommen war, die Zeit der Liebe, da fand der vornehme Reiche für sie einen Mann nach seinem Herzen: einen in der Thora bewanderten, gottesfürchtigen Jüngling. Er errichtete für sie neben dem grossen Tempel, der in der Stadt war, einen Trauhimmel nach der Satzung Moses und Israels, in aller Pracht und Herrlichkeit, wie Gottes gütige Hand es ihm zugeteilt hatte. Für die Armen der Stadt und der Umgebung