Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5691 (1930-1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 183)
- Language
- German
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181 Dass die jungen Musiker zunächst den verschiedenartigsten Einflüssen ausgesetzt waren, kann ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden. In jeder Kunstentwicklung — individuell wie allgemein — geht einem neuen Stil eine Periode der Abhängigkeit von fremden Einwirkungen voraus. Jeder Künstler muss erst eine Lehre durchmachen, bis er zum selbständigen freien Schaffen sich durchringt. Da gibt es kein Vorbei-, nur ein Hindurchgehen. Noch einem anderen Einwände gegen die jüdische Musik muss hier entgegengetreten werden, nämlich, dass unsere Komponisten — ich spreche nur von den bewusst jüdischen — sich der Formen, die sich in der Musik anderer Völker herauskristallisierten, bedienen. Dass gewisse Formprinzipien von den jüdischen Komponisten bereitwillig übernommen wurden (Sonate, Fuge, Symphonie, Konzert) darf nicht als massgebendes Beispiel herangezogen werden. Es zeigt nur, dass auch der jüdische Musiker mit den vielfachen Wurzeln der Musikformen verwachsen ist, genau wie die Musiker anderer Nationen. Ist ein Quartett von Dvorak weniger slavisch, eine Klaviersonate von Bartok nicht ungarisch oder ein Sonate von Debussy unfranzösisch? Handelt es sich nicht auch oft bloss um eine allgemeine Bezeichnung des Werkes, dessen Inhalt selbst das alte Formenprinzip sprengt? Junge Komponisten wie angehende Musikentwicklungen übernehmen meistens die existierendenlebendigen Formen, um erst später bei Erreichung einer gewissen Reife die Formen umzubilden. Dies ist sowohl bei älteren, als auch bei zeitgenössischen musikalischen Umwälzungen sichtbar. Die Klaviersonate von Alex. Krein ist zumindest so jüdisch wie die Bartoks ungarisch. Warum soll der jüdische Komponist aus dem Zusammenhang mit der Gegenwart, der er schliesslich seine Eigenexistenz verdankt, herausgerissen werden? Die Bedeutung eines Werkes hängt nicht nur von deräusseren Struktur, oder der Art, wie der Stoff verarbeitet worden ist, ab, sondern von den Tiefen seelischen Erregungen, die sich hinter jeder Harmonie und schon gar im Rhytmus kundgaben. Diese wirksame Kunst kennt keine Zweiheit zwischen Schöpfer und Werk. Beides